Siemsen über Chaplin

chaplin

Vorgestern habe ich so allerlei von Hans Siemsen aus Antiquariaten über ZVAB bestellt. Endlich war zum Beispiel die dreibändige Werkausgabe aus dem Essener TORSO-Verlag im Angebot, nicht billig, aber in bester Erhaltung, nahezu wie neu. Eine Stunde später schellte das Telefon. Ein Essener Antiquar war dran und fragte, ob ich das eben georderte Chaplin-Bändchen von Siemsen nicht persönlich bei ihm abholen wolle. Schließlich seien es ja nur zehn Minuten zu Fuß und so würde ich mir doch die Portokosten sparen. Das nenne ich Service.

Gestern dann hielt ich das noch nicht mal 50 Seiten starke Heftchen von 1924 in Händen, die erste Veröffentlichung über Chaplin in deutscher Sprache überhaupt, erschienen im Feuer-Verlag zu Leipzig, mit 18 Bildern nach Film-Ausschnitten, „Der Sammlung Meister zweiundzwanzigster Band“. Der vordere Umschlag war leicht knickspurig, der schmale Rücken etwas lädiert, der Preis aber völlig angemessen.

Ich setzte mich auf eine Parkbank im nahen Stadtgarten und las: „Ich muß von Osnabrück nach Bremen fahren.“ Das ist als erster Satz in einem Büchlein über den berühmtesten Stummfilmstar der Welt einigermaßen ungewöhnlich. Weiter geht ’s: „Und ich habe nicht soviel Geld, daß ich D-Zug fahren kann.“ Aha, da lässt sich ein Zusammenhang immerhin vorstellen. Charlie tritt ja in seinen Slapsticks vorzugsweise als Habenichts auf. Gibt es nicht einen Film, in dem er als Hobo, als „schwarzer Passagier“, auf dem Tender durch die Lande reist?

Nun aber folgen Siemsens dritter und vierter Satz: „Das heißt, vielleicht habe ich soviel Geld. Ich darf es nur nicht für den D-Zug ausgeben.“ Indem ich das lese, sehe ich den Autor an einer klapprigen Schreibmaschine sitzen, an einer ,Gabriele‘ von Triumph oder an einer ,Erika‘ von Seidel & Naumann. Nachdem Siemsen fein säuberlich und tippfehlerfrei seine ersten beiden Sätze zu Papier gebracht hat, fällt ihm ein, dass der zweite Satz eigentlich, „vielleicht“ nicht ganz den Tatsachen entspricht. Und so schreibt der um Wahrheit bemühte Schriftsteller einen dritten und vierten Satz, um die Sache zurechtzurücken.

Und heute? Ich z. B. würde den zweiten Satz im Handumdrehen auf dem Monitor löschen und nun schreiben, wie es sich tatsächlich verhielt. Aber was ginge dabei verloren! Die kleine Flüchtigkeit, deren Korrektur doch gerade den Charme dieses Erzählens ausmacht – sie verschwände auf Nimmerwiedersehen im digitalen Nirwana. Wenn ich Siemsens Prosa lese, dann wird mir bewusst, dass unser heutiger Schreibkomfort neben vielen Vorzügen auch seine Nachteile hat. Diese Umwegigkeit, diese sanften Schlenker, wie er mal rechts, mal links vom Pfad abkommt, um dann über Stock und Stein zurückzufinden – das entspricht doch eigentlich dem Wesen eines Flaneurs weit eher als die Gradlinigkeit, der Zeilengehorsam meiner disziplinierten Schreibweise am „Rechner“. Tempi passati! Wenn die Not nicht mehr herrscht, sind auch die aus ihr geborenen Tugenden unrettbar verloren.

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