Achtziger

ich

Ich bin gebeten worden, für Westropolis einen Blogbeitrag über die Literatur der 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts zu schreiben. Abgesehen mal davon, dass es ja zweifelhaft scheinen könnte, Literaturgeschichte nach der Willkür des Dezimalsystems zu strukturieren; abgesehen auch davon, dass fälschlicherweise die Jahrzehnte nach der Zehnerziffer gerechnet werden, tatsächlich aber z. B. das vorletzte Jahrzehnt des zweiten Jahrtausends nach Christi exakt vom 1. Januar 1981 bis zum 31. Dezember 1990 dauerte; abgesehen davon, dass Literatur ein eher unscharfer Begriff ist und fraglich bleibt, ob damit nun ausschließlich die sog. „Schöne Literatur“, also die Belletristik, gemeint sein oder ein viel weiteres Feld abgeschritten werden soll – die Aufgabenstellung hat ja trotz (oder vielleicht gerade wegen?) dieser Ungenauigkeiten durchaus ihren Reiz.

In den 80ern war ich ein junger Mann, zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig. War ’s die beste Zeit meines Lebens? In diesen schon so fernen Jahren, von 1980 bis 1991, kamen meine fünf Kinder zur Welt. Ich arbeitete als Buchhändler bei Baedeker an der Kettwiger Straße, in wechselnden Positionen. Unsere junge Familie zog in unserer Heimatstadt Essen zweimal um: von Holsterhausen nach Werden, von Werden in den Stadtwald. Ich begann die Veranstaltungsreihe meiner „Literarischen Soireen“. Und unterdessen fand ich noch genug Zeit zum Lesen, denn schon damals verzichtete ich dankend auf minderwertigen Zeitvertreib. Man lebt schließlich nur einmal.

Und sonst? Der Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan und der Beginn des ersten Golfkriegs zwischen Iran und Irak lassen das Dezennium mit Säbelgerassel beginnen, die Wahl eines B-Movie-Revolverhelden zum Präsidenten der USA folgt auf dem Fuße. Die Anerkennung von AIDS als epidemische Seuche lässt sich global ebensowenig vermeiden wie national Kohls Kanzlerschaft. Gorbatschow verkündet zur Halbzeit des Jahrzehnts Glasnost und Perestroika und läutet damit das Ende des „Kalten Krieges“ ein, bevor im ukrainischen Tschernobyl der Kommunismus russischer Prägung seinen Todesstoß empfängt und der Kommunismus chinesischer Prägung sich nicht anders zu helfen weiß als mit einem Massaker auf dem „Platz des himmlischen Friedens“. Dann fällt die Berliner Mauer. Das war ’s.

War ’s das? Vielleicht im großen Rahmen der Politik. Im kleinen Rahmen, in unseren Wohnzimmern und Küchen fanden andere Veränderungen statt. Anrufbeantworter, Videorekorder und Mikrowelle halfen uns bei der ökonomischen Verwaltung unserer Arbeits- und Freizeit. Weil die Zeit immer knapper wurde, bekam McDonald’s als erste Fastfood-Kette seine Chance auch in “Old Europe” – und nutzte sie: „Gut, daß es McDonald’s gibt.“ So lautete 1982 der Slogan in Deutschland; und 1987: „Der Platz wo Du gern bist, weil man gut ißt.“ Das Privatfernsehen sorgte mit seinen Werbeunterbrechungen dafür, die Generation A (für Adipositas) heranzuzüchten, während das Krümelmonster aus der Sesamstraße in den Öffentlich-Rechtlichen vormachte, wie der Kalorienfraß ins Maul gestopft wird. Alles eins?

Der Rückblick auf die Literatur dieses Jahrzehnts gewährt eine der wenigen trostspendenden Perspektiven, die ich meinen besten Lebensjahren, unabhängig vom Paradies der Privatheit, abzugewinnen vermag. Aber davon werde ich, „wie gesagt“, an anderer Stelle berichten. Die genialste Erfindung der 1980er-Jahre war aus meiner Sicht übrigens Rubik’s Cube, ebenso zwecklos wie simpel – die literarischen Erfindungen dieses Jahrzehnts allerdings nicht gerechnet.

5 Responses to “Achtziger”

  1. Günter Landsberger Says:

    1980 ist das Geburtsjahr unserer jüngeren Tochter, also durchaus zumindest im privaten Sinne lebensgliedernd. Ihre ersten 10 Jahre waren genau die hier mit literarischer Akzentuierung in Frage stehenden Jahre. Wenn sie in meiner Bibliothek gestöbert hat (außerhalb ihrer Kinderbuchinteressen), blieb sie merkwürdigerweise an den Fontaneschen Ullsteintaschenbuchbänden hängen, aber auch an Shakespeare. Als sie lesen konnte, hat sie sich plötzlich einmal einen der Shakespearebände erbeten und las zu meinem großen Erstaunen fehlerfrei los. Das hat sich später allerdings nicht sehr fortgesetzt. Ich habe es damals nicht forciert und beklage es auch nicht.

  2. Günter Landsberger Says:

    Die Literatur, mit der ich bewusst als wahrgenommene deutsche Gegenwartsliteratur aufgewachsen bin, war die von 1959 an. Anderes der Literatur nach 45 ging voraus oder kam nachträglich hinzu. Am bewusstesten waren uns Gleichaltrigen (Gymnasiasten) “Die Blechtrommel” und “Der Stellvertreter”.

  3. Günter Landsberger Says:

    Böll, Borchert, Lenz wurden relativ viel gelesen. Für einige in meiner Klasse war das Gesprächsthema. Auf Uwe Johnson (in seiner damaligen Sperrigkeit auch für mich) stieß ich damals auch. Auf Wolfgang Koeppen zuerst als Einleiter meiner zweibändigen Balzac-Dünndruckausgabe von Droemer-Knaur. Die Romane Koeppens und Nossacks kamen erst später hinzu.

  4. Rolf-Maria Says:

    “Minderwertiger Zeitvertrieb” alles außer lesen? Wie steht es mit dem Sprechen über das Lesen und dem Reden über das Wetter und Ähnlichem. Wenigstens dem Kinderzeugen ist offensichtlich trotz Minderwertigkeit genügend Zeit verblieben.

  5. Revierflaneur Says:

    Aber lieber Rolf! Mitnichten hielt oder halte ich “alles außer lesen” für einen minderwertigen Zeitvertreib. Wie kommst Du darauf? Ich dachte, Du kenntest mich ein wenig. Für minderwertigen Zeitvertreib halte ich z. B. Glotzegucken, Kneipehocken und “Leibesertüchtigungen” aller Art, ob als Marathonik aktiv oder passiv alle 14 Tage auf Schalke. Von letzteren, besagten Leibesertüchtigungen, nehme ich das Vergnügen auf der Matratze ausdrücklich aus – und das führt dann unweigerlich, wenn man nichts dagegen tut, zu dem bekannten Ergebnis, zu dem ich stehe und das mich nicht in die Verlegenheit bringt, meine Zeit vertreiben zu müssen. Wenn mir überhaupt noch Zeit zum Lesen bleibt, dann genieße ich diese als Luxus, aber als einen mir gemäßen, sehr hochwertigen. Ansonsten habe ich mich, was die Welt der Buchstaben angeht, wie Du ja augenscheinlich bemerkt hast, vorwiegend aufs Schreiben verlegt. – Und sonst? Geht ‘s Dir gut?

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