Banane und Zitrone

baanane-und-zitrone

„¿Qué hago yo ahí?“ – Was habe ich nur hier zu suchen? Das fragte sich Yoani Sánchez (32), nachdem sie entdeckt hatte, dass sie vom US-amerikanischen TIME magazine auf eine soeben erschienene Liste der „100 einflussreichsten Leute der Welt“ gesetzt worden war. Einen gewissen Stolz empfinde sie lediglich darüber, dass sich vermutlich jetzt die übrigen 99 „World’s Most Influential People“, vom Dalai Lama bis zu Muqtada as-Sadr, eine ganz ähnliche Frage stellen würden: „Wer ist diese unbekannte kubanische Bloggerin, die uns hier Gesellschaft leistet?“ Ansonsten übte sich Sánchez in Bescheidenheit. Sie habe sich doch nie in Szene gesetzt, selbst ihre engsten Nachbarn wüssten nicht, ob sich ihr Vorname nun Yohani oder Yoanis schreibe, sie sei nur eine einfache Bürgerin und keine Heldin oder Pionierin und ihr Ziel sei lediglich, die Wahrheit zu erzählen, wie sie ihr aus ihrem „verdrehten Blickwinkel“ („distorsionado foco“) erscheine, ausgehend von ihren Gefühlen und von den Fragen, die sich ihr dabei stellten.

Yoani Sánchez, die einige Jahre in der Schweiz gelebt hat, bis sie das Heimweh packte und sie wieder nach Kuba zog, berichtet in ihrem Weblog vom alltäglichen Leben auf Kuba: von der Mangelwirtschaft, der Armut, den vielfachen Einschränkungen und Behinderungen, den desolaten Verhältnissen im gescheiterten Sozialismus, nach einem halben Jahrhundert Castro-Diktatur. Ihre Beiträge erscheinen nicht in täglicher Regelmäßigkeit, aber oft gleich mehrere pro Tag. Sánchez schreibt „auf Vorrat“, denn sie hat keinen eigenen Internet-Account und setzt ihre Postings deshalb schubweise in einem Touristenhotel ab, für fünf Euro pro Stunde, dem durchschnittlichen Halbmonatslohn eines Kubaners. Da sage noch einer, man könne mit der Bloggerei kein Geld verdienen!

Die Resonanz lässt sich sehen, Kommentarzahlen im vierstelligen Bereich sind eher die Regel als die Ausnahme. Sánchez beweist Mut mit ihrer offenherzigen, unverblümten Kritik der Zustände in ihrer Heimat. Mittlerweile ist sie aber vermutlich zu bekannt, als dass es sich das Regime noch ohne weiteren Imageverlust leisten könnte, sie vom Netz zu nehmen – erst recht nach ihrer Nobilitierung durch das TIME magazine. Weblogs erweisen sich so als die modernste Variante des Samisdat. Der Reiz des Verbotenen sorgt für gesteigertes Interesse. Und dass Zensur in einer multimedialen Welt grenzüberschreitender Massenkommunikation keine wirkliche Chance mehr hat, ist ja spätestens nach Honeckers Sturz und dem Untergang der DDR evident. Die Unzufriedenheit, die das allabendliche Programm des Westfernsehens mit seiner Werbung für die kommerziellen Segnungen des Kapitalismus unter den bevormundeten Bürgern der „ersten sozialistischen Republik auf deutschem Boden“ gesät hatte, war schließlich selbst in einem totalitären Stasi-Überwachungsstaat nicht mehr kontrollierbar. Das Volk wollte Bananen!

Eine kleine, aber feine Ironie der Geschichte ist insofern, dass es auch in Yoani Sánchez’ Blog jüngst um exotische Früchte ging. Die Bloggerin aus Havanna verspürte ein Kratzen im Hals und hätte so gern schwarzen Tee mit Zitrone getrunken. Zitronen waren aber auf allen Märkten und in allen Läden der Zwei-Millionen-Stadt Havanna beim besten Willen nicht aufzutreiben. „Wie kann das sein,“ so fragt Sánchez mit Todesverachtung, „dass so viel fruchtbare Erde, so viele Menschen willens zu produzieren, zu handeln und zu verkaufen sich nicht mit einem reichlichen Angebot an Zitronen auf dem Markt kombinieren lassen? […] Wann wird der Boden denen gehören, die ihn bearbeiten und nicht einem Staat, der ihn nur halbherzig in seinen verwahrlosten Latifundien benutzt? Soll ich weiter hoffen oder mich damit begnügen und den Geschmack von Zitronen vergessen?“

Erich Honecker rutschte schließlich auf einer Banane aus – fiel hin und brach sich das Genick. In Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96) gibt es das bekannte Gedicht, das anhebt: „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn“ – und darin diese letzten Zeilen stehn: „In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut, / Es stürzt der Fels und über ihn die Flut: / Kennst du ihn wohl? / Dahin! Dahin / Geht unser Weg; o Vater, lass uns ziehn!“

10 Responses to “Banane und Zitrone”

  1. Matta Schimanski Says:

    Leider sind der “Weblog-” und der “jüngste” Link nicht erreichbar; offensichtlich wurde ihre Seite doch geblockt, siehe auch:

    http://blog.isallaboutmath.com/2008/03/24/yoani-sanchez-blog-pages-
    are-block-by-cuba/

    Diktatorische Regimes können sich eben doch ziemlich viel leisten.

    (P. S. Auch wenn der Link nicht ganz verlinkt aussieht – er funktioniert trotzdem.)

  2. Revierflaneur Says:

    Also, bei mir funktionieren jetzt beide Links. Wenn ich es recht sehe, handelt es sich in den zitierten Quellen um eine Sperrung (“Error”), die um den 24. März herum erfolgte, sich hauptsächlich auf kubanische User beschränkte (was schon schlimm genug ist) und inzwischen wieder aufgehoben ist oder umgangen werden konnte. Wenn Du heute mit meinen Links Probleme hattest, könnte das eine andere Ursache gehabt haben. Versuch’s doch jetzt noch mal.

  3. Matta Schimanski Says:

    Ja, jetzt geht´s.
    Nun muss ich nur noch Spanisch lernen.

  4. Revierflaneur Says:

    Nicht unbedingt. Es gibt ja auch noch diesen

    http://www.desdecuba.com/generationy_de/

    und diesen

    http://www.desdecuba.com/generationy/

    Link.

  5. Matta Schimanski Says:

    Es war als Scherz gemeint – der “jüngste” Link ist ja zur deutschsprachigen Ausgabe.

    Aber ich habe den “echten” meiner Tochter geschickt, die 1. Spanisch ganz gut kann (und natürlich gerne verbessern möchte), 2. ein Faible für Mittel- und Südamerika hat und 3. für Sozialkritisches immer zu haben ist.

    Daher vielen Dank auch in ihrem Namen für diese wundervolle Anregung!

  6. Revierflaneur Says:

    In der heutigen “Süddeutschen Zeitung” lese ich (S. 8), dass gestern (Mittwoch) tatsächlich mittags die Seite von Yoani Sánchez kurzzeitig nicht zu erreichen war. Außerdem erhielt die Bloggerin keine Ausreisegenehmigung, um in Madrid den ihr verliehenen wichtigsten spanischen Medienpreis Ortega y Gasset in der Kategorie Internet persönlich entgegennehmen zu können. Man muss hoffen, dass jede dieser Repressionsmaßnahmen, die ja eine gewisse Hilflosigkeit des Regimes offenbaren, das Gegenteil von dem bewirken, was sie erreichen wollen: dass die Popularität von Sánchez dadurch eher noch zunimmt.

  7. Matta Schimanski Says:

    Heute las ich in der WAZ die kurze Meldung, dass Yoani Sánchez trotz des Ausreiseverbots die Verleihung des Medienpreises gefeiert habe:
    “[…] Zum Zeitpunkt der Preisverleihung in Madrid hätten Freunde und Familie für sie ein Fest in Havanna organisiert, sagte sie `Welt Online´. Dabei sei ihr der Preis symbolisch verliehen worden. […]”

  8. Revierflaneur Says:

    Und wie sie weiter sagt: “Es war schön, aber im Hinterkopf war immer dieses Gefühl, dass mir irgendein Bürokrat diesen großartigen Moment nimmt.” Auf Kuba herrscht die Angst – selbst noch in großartigen Momenten, und das in einem Land, das neben Brasilien vielleicht die unbeschwerteste Festkultur der Welt hat bzw. hatte. Es ist ein Jammer!

  9. Matta Schimanski Says:

    Ich würde sehr gerne mal nach Kuba reisen, aber nicht mit so einer offiziellen Reisegruppe. Das wäre wahrscheinlich ein großes, großes Abenteuer.

  10. Revierflaneur» Blogarchiv » Sonntag, 15. November 2009: Lass‘ sie atmen Says:

    […] Zeitung Nr. 262 v. 13. November 2009, S. 15). Im Mai vorigen Jahres hatte ich über Sánchez berichtet, weil sie vom US-amerikanischen TIME magazine auf seine „Liste der 100 einflussreichsten Leute […]

Leave a Reply