Archiv für Mai 2008

Samoa

Samstag, 31. Mai 2008

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Ich lese gerade nebenbei den Reisebericht von Otto Ehrenfried Ehlers (1855-1895), der kurz vor seinem vermutlich gewaltsamen Tod auf Neuguinea die Insel Samoa im südwestlichen Pazifik besuchte. Das Buch ist soeben in lobenswerter Ausstattung neu aufgelegt worden. (Otto E. Ehlers: Samoa. Die Perle der Südsee. M. e. Nachw. v. Hermann Joseph Hiery. Düsseldorf: Lilienfeld Verlag, 2008.)

Man ist hin- und hergerissen bei dieser Lektüre. Der Verfasser tritt mit der Überheblichkeit eines kolonialistischen Herrenmenschen auf, aber er sucht doch auch die Nähe zu seinen freundlichen Gastgebern, die ihn durch ihre spontane Herzlichkeit und ihren Liebreiz beeindrucken. Die „Eingeborenen“ betrachtet und schildert er mal aus der Perspektive abendländischer Arroganz als halbe Tiere, dann wieder erscheinen sie ihm wie unschuldige, naive Kinder.

Ich kann dem pommerschen Gutsherrn, der auch dem weiblichen Geschlecht mit einer heute haarsträubend anmutenden Herablassung begegnet, trotzdem nicht wirklich böse sein, wenn ich mich in die Zeiten und Umstände zurückversetze, die das Denken und Empfinden eines solchen schmissigen deutschen Mannes disponierten. Ehlers erweist sich nämlich als ein überaus neugieriger und genauer Beobachter der für ihn völlig fremden Welt. Dass er dabei nicht aus seiner Haut und diese Welt nur durch seine europäische Brille betrachten kann – wer wollte es ihm ernsthaft zur Last legen?

„Unter sich sind die Samoaner in einer Weise gastfrei und freigebig, die nahezu an Kommunismus grenzt und sogar jeder weiteren Entwicklung des Landes hinderlich ist. Kein Samoaner denkt daran, Ersparnisse zu machen, seinen Besitz zu vergrößern oder die Zukunft seiner Familie sicher zu stellen; und sollte er dennoch daran denken, so würden seine Freunde schon dafür sorgen, daß ihm Gedanken dieser Art vergehen.“ (Ehlers, S. 75.) So möchte man fast glauben, der Kommunismus hätte doch eine Chance gehabt, wenn er und mit ihm die Menschheit sich auf jene klimatisch begünstigten Regionen der Erde beschränkt hätte, die ein sorgenfreies Leben ohne besondere Anstrengung gestatten.

Doch welch herbe Ernüchterung mutet uns Ehlers zu, wenn er auch in diesem irdischen Paradies bald auf die Schlange tritt, die solch naiven Glauben zunichte macht: „Alles gedeiht in einer beispiellosen Üppigkeit, und wenn in diesem herrlichen Lande zeitweise in einigen Distrikten dennoch eine Knappheit der Lebensmittel eintritt, so ist daran ausschließlich die von den Samoanern allem Anschein nach auf Lebensdauer engagierte Kriegsfurie, nicht aber die ihr Lieblingskind geradezu verhätschelnde Mutter Natur schuld.“ (Ebd., S. 67.) Warum gehen freundliche Menschen mit Pfeil und Bogen und tödlichen Speeren aufeinander los, wenn doch offenbar ihre natürliche Umwelt alles zum Überleben Nötige in verschwenderischem Maß bereithält? Man möchte fast meinen, die Schlange hörte auf den profanen Namen „Langeweile“.

[Das Titelbild „Zubereitung der Kawa, ca. 1898“ ist dem besprochenen Band entnommen. © Lilienfeld Verlag, Düsseldorf.]

Zoff im Bedford

Freitag, 30. Mai 2008

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New York, 30. Mai 1942 – heute vor 66 Jahren. Der 35-jährige Schriftsteller Klaus Mann bekommt Besuch in seinem Appartement im Hotel Bedford, 118 East 40th Street, Manhattan. Seit September 1938 wohnt Mann nun schon hier, zeitweilig unter einem Dach mit anderen namhaften Hitler-Flüchtlingen, Künstlern und Autoren wie Vicki Baum, Curt Riess oder Billy Wilder. Und auch jener Hubertus Prinz zu Löwenstein residiert vorübergehend hier, der vielen Verfolgten mit seiner „American Guild for German Cultural Freedom“ die Flucht ins amerikanische Exil ermöglicht hatte.

Da jedoch die USA keine mutmaßlichen Kommunisten aufnahmen, erfand Löwenstein folgenden Trick. Zunächst besorgte er den Flüchtlingen ein Visum für Mexiko, ein Land, das weniger zimperlich in seinen Einreisebestimmungen war. Der Weg dorthin führte aber über die USA, die immerhin ein Transitvisum auch in „verdächtigen Fällen“ nicht verweigerten. Hatten seine „Rescue Cases“ erst einmal ihren Fuß auf US-amerikanischen Boden gesetzt, dann setzte sich Löwenstein für sie ein, indem er ihnen Affidavits hilfsbereiter „Sponsoren“ verschaffte. Auf einer undatierten Liste solcher „Rescue Cases Attended to the American Guild for German Cultural Freedom“ tauchen unter den laufenden Nummern 26 und 31 auch folgende Personen auf: „Siemsen, Dr. Hans: Withdrawn“ und „Dickhaut, Walter, Both affidavits from Burrichter referred to Dr. Losenfeld“.

Wir wissen nicht, warum der Name Hans Siemsen in dieser Liste mit einem Doktortitel versehen wurde. Mitte Juni 1941 war er auf der SS Guinee von Lissabon kommend in New York eingetoffen, mit dem gleichen Schiff, auf dem auch Hans Sahl und Valeriu Marcu das rettende Ufer erreichten. Wohl aber wissen wir, wer jener Walter Dickhaut war, der schließlich nicht in New York, sondern auf Kuba landete, nämlich eben jener Walter D., der das Vorbild für Siemsens Hitlerjungen Albrecht Goers abgab, sein Geliebter. Ob es mit dem Affidavit für Dickhaut doch nicht geklappt hat? Für Ende 1941 vermerken die „Daten zu Leben und Werk“ im ersten Band der Siemsen-Ausgabe von Michael Föster jedenfalls: „Zunehmende Vereinsamung, wozu der Verlust seines Freundes Walter […] beiträgt. Alkoholismus, ständige Geldnot.“ (Hans Siemsen: Schriften. Verbotene Liebe und andere Geschichten. Essen: TORSO Verlag, 1986, S. 257.)

Am 30. Mai 1942 steht also der 51-jährige Hans Siemsen bei Klaus Mann im Hotel Bedford auf der Matte. Über diesen Besuch berichtet Mann in seinem Tagebuch: „Äußerst unangenehme Szene mit Hans Siemsen, der hereinplatzt – schwitzend und unappetitlich – und sofort in eine dieser lauten, nutzlosen und beschämenden politischen Diskussionen verfällt. Er schreit [Manns Freund] Christopher [Lazare] und mich an, als wir es wagen, seine Theorie in Frage zu stellen, alle Deutschen verabscheuten den Krieg und seien insgesamt ein wunderbares, friedliebendes Volk. Ungehobelt, stumpfsinnig und verrückt, besteht er auf seinem Standpunkt – chauvinistisch und brutal wie ein Nazi, oder eher, wie ein echter Deutscher. Was für eine abscheuliche Rasse! Wie absolut bar jeder Vernunft und jeder Höflichkeit! Es ist diese Mischung aus Roheit und Hysterie, die sie zur Geißel der Zivilisation macht. Wie recht ich habe, konsequent jeden Umgang mit diesem bornierten, lärmenden Pöbel zu vermeiden (mit der Ausnahme von vielleicht fünf oder sechs alten und vertrauten Freunden.)“ (Klaus Mann: Tagebücher 1940 – 1943. Hrsg. v. Joachim Heimannsberg, Peter Loemmle u. Wilfried F. Schoeller. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1995, S. 96.)

Das Bild, das Klaus Mann hier von Siemsen zeichnet, passt nun so gar nicht zu jenem Verfasser zarter Prosastücke, dem intimen Freund von Joachim Ringelnatz und Renée Sintenis, dem schwulen Pastorensohn, einfühlsamen Liebhaber und naturverliebten Flaneur, den wir aus seinen Schriften und Briefen kennen. What happened that this shit happened?

Inspiration

Donnerstag, 29. Mai 2008

Die linke untere Kieferhöhle lässt sich heute mit allen Mitteln nicht mehr beruhigen. Der dort vor Jahren halb abgebrochene Backenzahn, aus dem die giftige Amalgamfüllung von anno Tobak ins Leere ragt, schickt seinen pulsierenden Schmerz in die triste Diesseitigkeit.

Aber ich wollte doch nicht in die Fußstapfen jener wehleidigen Bloggerinnen treten, denen zum Tage selten mehr einfällt als die immerzu kränkelnde Befindlichkeit. Nichts schien mir überflüssiger als die Bekundung solch alltäglicher Zipperlein.

Also lassen wir das und verschweigen hier auch konsequent das enervierende Ziehen im rechten Ellbogengelenk, seit heute Mittag. Ob es von der Funkmaus herrührt und ihren millimetergenauen Steuerungen Tag für Tag und Nacht für Nacht, gewohnheitsmäßig; oder eher vom außergewöhnlichen Transport eines schließlich doch nicht passenden Sprungrahmens vom Sperrmüll ein paar Häuser weiter in den Bettkasten meines jüngsten Sohnes? Es ist schließlich einerlei.

Mein Herz? Dass das noch immer unverdrossen seinen Dienst tut, es ist mehr als ein Wunder. Trotz zwanzig Gauloises und täglicher Weißweinintoxikation? Na, immerhin steuere ich mit Betablockern und Hydrochlorothiazid dagegen.

Unvernünftig? Mag sein. Die Vorstellung aber, dass jeder Tag mein letzter sein könnte, und zwar nicht rein theoretisch, sondern aus immer triftiger werdenden Gründen; nämlich wegen der Folgen einer rücksichtslos ungesunden Lebensweise, die sich tagtäglich deutlicher und schmerzvoller bemerkbar machen – diese Vorstellung inspiriert ungemein.

Würfelwürfe

Donnerstag, 29. Mai 2008

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Es gibt für das, was ich hier versuche, offenbar bisher noch keine taugliche Gattungsbezeichnung. Der bisherige Arbeitstitel für diese Rubrik, „Journal intime“, hat mich von Anfang an nicht recht überzeugen können.

Worum soll es denn hier eigentlich gehen? Um kurze Prosastücke, fokussiert und zugleich weit ausholend, vom Fernblick inspiriert und in den kleinen Einzelheiten mikroskopisch genau, geschliffen und geschärft bis ins letzte Detail, zugespitzt auf den jeweils einen, grundsätzlichen Punkt. (Dass ich von diesem Ziel noch weit entfernt bin, muss mir niemand sagen. Ich probiere und experimentiere. Schließlich betrete ich Neuland.)

Keine Aphorismen also, aber ebenso wenig Essays, gewiss auch keine „short stories“, und schlichte Tagebuchnotizen schon gar nicht.

Das Weblog meiner Träume ist schließlich, um auch diesen Holzweg abzusperren, kein klassisches Feuilleton mit seiner obligatorischen Glosse und den Kritiken zu diesem und jenem. Allein schon deshalb nicht, weil es mehr erlaubt als die alte Presse. Der Leserbrief ist tot – es lebe der Kommentar. Und weil das Blog auch mehr ermöglicht als die historisch-kritische Textausgabe. Die Fußnote ist tot – es lebe die kreative Verlinkung. Von eingestreuten Podcasts mal ganz abgesehen.

Gutenbergs gutes altes Buch liegt im Sterben – womit das Schreiben vielleicht endlich die Chance erhält, in jenes „vollkommene Buch“ zu münden, das Stéphane Mallarmé einst ersehnte. Seinem langen Gedicht Un coup de dés jamais n’abolira le hasard zu Ehren nenne ich diese Rubrik rückwirkend ab heute: „Würfelwürfe“. Der Zufall erhält seine zweite Chance.

Karnivoren

Mittwoch, 28. Mai 2008

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Neulich auf der Geburtstagsparty meiner Tochter. – S., weiblich, 45 Jahre alt, kinderlos, Vegetarierin (Ausnahme: Fisch), begutachtet die Geschenke. Eine Pappdose fällt ins Auge. Inhalt: Samen für fleischfressende Pflanzen.

Aufgemacht und reingeschaut. Ein paar kleine Plastiktütchen mit Samen kommen zum Vorschein. Erst sehe ich aber gar keine Samen, bis ich ganz wenige unterstecknadelkopfgroße Körnchen entdecke.

Ausdruck meiner Enttäuschung: „Das ist aber spärlich!“ Dann, nach kurzem Bedenken: „Aber beim Menschen, wenn man ans Sperma denkt, ist es ja auch nur ein Klacks.“ Darauf S., schlagfertig wie immer: „Bei T. aber nicht.“ (T. ist ihr Ehemann.)

Darauf hätte ich, männlich, 51 Jahre alt, Vater von fünf Kindern und Allesfresser (Ausnahme: Muscheln und Schnecken), nun ebenso schlagfertig antworten können: „Na, viel gebracht hat dieser Reichtum ja nicht!“ Aber ich verkneife mir solche Repliken neuerdings, seit ich bemerkt habe, dass diese Zurückhaltung meiner Kreativität zuträglich ist. Statt ein Bonmot abzusondern, das nahezu ungehört auf einer Party verpufft und bloß Zwietracht sät, lasse ich die Erinnerung an Schnappschüsse dieser Art lieber drei Tage lang gären und fixiere sie dann im Säurebad meines Journal intime.

So trägt jeder und jede zum Aussterben unserer Art bei: der eine, indem er sich was erlaubt, die andere, indem sie sich was verbietet. Die lachenden Dritten sind am Ende die fleischfressenden Pflanzen.

Gizeh (V)

Dienstag, 27. Mai 2008

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Was hat es nun aber mit dem sonderbaren Namen des Frotteurs aus Rouen auf sich? Humbert kann sowohl ein Vorname (zwei Grafen von Savoyen hießen z. B. so, der jüngere wurde sogar heilig gesprochen) als auch ein Nachname sein. (Claas Hugo Humbert etwa war ein deutsch-französischer Romanist, der mit Victor Hugo korrespondierte.)

Als ich den Namen Humbert in Flauberts Reisetagebüchern las, musste ich unwillkürlich an jene ebenso berühmte wie zwielichtige Gestalt der Weltliteratur denken, die sowohl mit Vor- als auch mit Nachnamen Humbert heißt: an den pädophilen Helden in Vladimir Nabokovs Roman Lolita (1955).

Leider war ich nicht der Erste, der diesen Gedanken hatte. Kilroy war längst schon da gewesen. „Ist es nicht vielleicht ein bemerkenswerter historischer Zufall,“ so fragt Julian Barnes in seinem bereits zitierten Roman Flaubert’s Parrot, „daß der bedeutendste europäische Romancier des neunzehnten Jahrhunderts bei den Pyramiden die Bekanntschaft einer der berüchtigtsten Romanfiguren des zwanzigsten Jahrhunderts machen sollte? Daß Flaubert, noch feucht vom Knaben-Aufspießen in Kairos Badehäusern, auf den Namen von Nabokovs Verführer minderjähriger amerikanischer Mädchen stoßen sollte? Und weiter, welchen Beruf hat diese einläufige Version von Humbert Humbert? Er ist ein frotteur. Wörtlich: ein französischer Schleifer; aber auch einer jener sexuell Abartigen, die sich gern in der Menge reiben.“ (A. a. O., S. 98.)

Was sagt denn die Nabokov-Forschung dazu? Ihr blieb, soweit ich es übersehe, dieser „bemerkenswerte historische Zufall“ bisher verborgen. Der Autor der Lolita selbst, so wissen die Exegeten wohl zu berichten, habe auf den „unangenehmen doppelten Klang“ des Namens Humbert Humbert hingewiesen, der zugleich ein Adelsname sei und an das Worte „humble“ (bescheiden oder demütig), an das spanische „hombre“ (Mann), an das französische „ombre“ (Schatten) und an das Kartenspiel L‘Hombre erinnere. Für die Nabokovianer ist die Sonne über den Pyramiden offenbar noch nicht aufgegangen.

Ich bin schon etwas neidisch auf Barnes’ unbestreitbares Prioritätsrecht bei dieser sensationellen Entdeckung, das muss ich unumwunden zugeben. Aber einen frotteur als „Schleifer“ zu bezeichnen, und zwar noch angeblich „wörtlich“, das ist ja nun doch ziemlich daneben. Wohl kann man einen Parkettboden bekanntlich auch abschleifen. Diese radikale Maßnahme wird aber erst dann nötig, wenn man den Boden zuvor nicht regelmäßig hat einwachsen und polieren lassen – nämlich von einem Frotteur. Mit dieser ungeschliffenen Übersetzung wagt sich Barnes (oder sein Übersetzer Michael Walter) jedenfalls auf glattes Parkett.

Schwanengesang (II)

Montag, 26. Mai 2008

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Am 23. Mai 2004 wählten die 1205 Mitglieder der Bundesversammlung Horst Köhler im ersten Wahlgang zum neunten Präsidenten der Brunzreplik Deutschland. Seine Gegenkandidatin Gesine Schwan, Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), erhielt 589 Stimmen, nur 15 weniger als der Geschäftsführende Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Horst Köhler.

Dieses Ergebnis war überraschend knapp. Köhler erreichte die absolute Mehrheit, die einen zweiten Wahlgang erübrigte, gerade einmal mit einer einzigen Stimme. Seine Konkurrentin Schwan musste immerhin mindestens zehn Stimmen aus dem Lager der CDU/CSU und der FDP erhalten haben. Dieses Ergebnis ließ das geprüfte Herz eines überzeugten Demokraten schneller schlagen, der sich immer freut, wenn er schwache Anzeichen dafür wahrnimmt, dass es neben allem Fraktionszwang und allem abgekarteten Spiel in unseren Parlamenten gelegentlich doch noch, wenigstens in geheimen Wahlen, Spielräume für individuelle, wohlerwogene und freie Entscheidungen unserer Volksvertreter gibt.

Und so freute ich mich damals, vor ziemlich genau vier Jahren, und fragte mich, wer wohl die zehn oder mehr Abweichler gewesen sein mochten, die die Souveränität aufgebracht hatten, unabhängig von den Vorgaben ihrer Parteien und nach gründlicher Prüfung aller Vorzüge und Nachteile der beiden Kandidaten, allein ihrem Gewissen verpflichtet, eine unorthodoxe Wahl zu treffen. Sonderlich viel Courage gehörte zwar nicht dazu, es war ja, „wie gesagt“, eine geheime Wahl. Aber immerhin! Und eine aus dem kleinen Kreis der Abweichler, das CSU-Mitglied Gloria von Thurn und Taxis, machte aus ihrem Herzen unmittelbar nach Verkündung des Wahlergebnisses keine Mördergrube. Nach Bekanntgabe der Wahl von Horst Köhler ging sie auf die Verliererin Gesine Schwan zu, fiel ihr um den Hals und sagte zu ihr: „Sie sind eine wunderbare Frau. Ich habe Sie gewählt!“ Daraufhin habe Schwan sich bedankt und die Umarmung zurückgegeben.

Dummerweise hatte dies die Oberpfälzer SPD-Landtagsabgeordnete Marianne Schieder beobachtet und zwei Tage nach der Wahl beim Radiosender Bayern 1 ins Mikrophon geplaudert. Gestern bekannte die Gräfin in einem Interview mit Volker Zastrow in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Das wäre besser nicht herausgekommen. Seitdem werde ich in Bayern zu keinem Empfang der Staatsregierung mehr eingeladen.“ Gefühlsausbrüche in aller Öffentlichkeit sollte eine Managerin und Unternehmerin sich also besser verkneifen, wenn sie heimlich vom Weg abweicht und trotzdem Wert darauf legt, auf hochrangigen Empfängen ihre Geschäftskontakte pflegen zu dürfen.

Dass die spontane Gräfin von Thurn und Taxis uns nun aber gar, wenngleich mit vier Jahren Verspätung, Einblick gewährt in ihre damaligen Motive, warum sie sich nämlich, in drei Teufels Namen, gegen die Parteilinie und für die „wunderbare Frau“ entschied, das ist ihr nicht hoch genug anzurechnen. Weil nämlich „Gesine Schwan […] eine reizende, sehr eloquente, ganz tolle Frau“ sei. „Ich habe sie auf einem Empfang in München anlässlich eines Abendessens im Antiquarium zu Ehren des damaligen Weltbankpräsidenten James Wolfensohn getroffen. Damals hatte ich Gelegenheit, mit ihr zu schwätzen. Sie ist wirklich eine sehr kluge und außerdem gutgelaunte Person. Kluge Deutsche sind sonst meistens schlecht gelaunt. Mir hat gefallen, dass es bei ihr anders war.“ (FAS Nr. 21 v. 25. Mai 2008, S. 2.) Dank dieses offenherzigen Bekenntnisses wissen wir jetzt endlich, wie der ideale Bundespräsident bzw. die ideale Bundespräsidentin dieser Republik beschaffen sein muss: reizend, eloquent, toll, klug und gut gelaunt. Ich verstehe ehrlich gesagt auch nicht, warum meine Laune als Demokrat angesichts einer solchen rücksichtslosen Offenbarung in den Keller sinkt. Vielleicht deshalb, weil ich noch immer nicht glauben mag, dass das ernste Geschäft der Politik mehr und mehr zum gspaßigen Showbusiness verkommt.