Autodafé

weidermann

Bücherverbrennungen haben offensichtlich einen verzögerten Heizwert. Bald ist das Öl alle, dann können wir uns noch in bitterkalten Wintern, vor unserem endgültigen Abgang von der Bildfläche, am lieblichen Knistern der Bibliotheksbestände die klammen Hände wärmen.

Jetzt hat Volker Weidermann seiner vor zwei Jahren viel beachteten „kurzen Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute“ einen Folgeband hinterhergeschickt. Das ist überaus geschickt – oder bloß zwingend notwendig.

Kiepenheuer & Witsch weiß, was der Verlag seinen Umsatzzahlen schuldig ist. Lesebändchen und ein Pappcover mit Wiedererkennungswert sind obligatorisch, die Schrumpfung von 324 auf 254 Seiten bemerkt ohnehin kein lesendes Schwein. Ob der Preis für diese um ein Fünftel knapper geratene Nachfolgeerscheinung bloß um 15 Prozent niedriger liegt – wen stört‘s? Und dass Weidermann wie ein Storch im Spagat in den ausgetretenen Fußstapfen seines Vorbilds und Vorgängers Jürgen Serke einherstolziert, ohne in diesem epigonalen Bändchen auch nur entfernt dessen Klasse zu erreichen – wen stört’s?

Mich stört, dass beide Bücher gelumbeckt und nicht fadengeheftet sind. Dann sollen sie doch bitte ehrlich sein und gleich als Taschenbücher erscheinen. (Die Lichtjahre gibt’s jetzt schon zum halben Preis bei BtB.) Dass Buchkäufer und Bücherliebhaber so genau hinguckten wie ich, ist allerdings auch schon Lichtjahre her. Was bin ich nur für ein unverbesserlicher Anachronist?

Immerhin freut mich, dass Weidermann in seinem neuen Buch erstmals auch jene verbrannten Bücher aus dem Scheiterhaufen zieht, deren einziges Verdienst war, überhaupt hineingeworfen worden zu sein. So rettet er eine Adrienne Thomas, deren Werke er „stark gefühlt und ziemlich schwach geschrieben“ nennt, vor dem endgültigen Vergessen. Vergiss es trotzdem! Einzig ihre Indizierung, die sich aus peripheren Gründen herleitet, macht solche nach Weidermanns eigenen Worten „ordentlich auf die Nerven“ gehenden Überflüssigkeiten bemerkenswert. Das reicht aber nicht, meine Neugier zu wecken. Mit solchen literarischen Sequels ist kaum ein Blumenpott zu gewinnen – weder bei den Gutwilligen, noch und erst recht nicht bei einem Böswilligen wie mir.


5 Responses to “Autodafé”

  1. Günter Landsberger Says:

    Ja, dieses Buch ist mir unlängst in einer Essener Buchhandlung auch schon aufgefallen. Das Thema interessiert mich natürlich sehr.
    Zudem:
    Der Titel “Autodafé” erinnert mich nicht nur an die Ketzerverbrennungen durch die (spanische) Inquisition, sondern auch an den übersetzten Titel von Elias Canettis zur Bücherverbrennung der Nazis zeitnahen Roman “Die Blendung”, an dessen Ende Kiens Bibliothek in Flammen aufgeht. Hier allerdings verursacht durch ihn selber, wenn ich mich richtig erinnere.

  2. G.A.Wilkinson Says:

    Lichtjahre sind ein Längenmaß, kein Zeitmaß. Das sollten Sie bei Ihrer Flânerie durch’s Revier nicht vergessen!

  3. Revierflaneur Says:

    Mir fällt gerade auf, dass man das rote Lesebändchen zum besprochenen Buch (siehe Titelbild) auch als Zündschnur sehen kann.

  4. Revierflaneur Says:

    Dear Wilkinson, streng physikalisch haben Sie natürlich Recht. Da ja aber auch Weidermanns Buchtitel mit der Doppeldeutigkeit des Wortes “Lichtjahre” spielt – einerseits ein physikalisches Längenmaß für astronomische Entfernungen, andererseits die lichten Jahre nach den Zeiten der Finsternis im “1000-jährigen Reich” -, glaubte ich, mir hier diese semantische Freiheit gestatten zu dürfen. Im Nachwort zu seinem Buch erklärt Weidermann seinen Titel so:

    “Die Sonne ist längst untergegangen. Am Himmel leuchten erste Sterne. Goethe hat sich immer vorgestellt, dass sein Freund Wieland nach seinem Tod als Sternbild an den Himmel versetzt worden sei, denn ein solcher Geist könne nicht untergehen und zu leuchten aufhören. Daran erinnert der Literaturwissenschaftler Artur Eloesser am Ende seiner ausführlichen Geschichte der deutschen Literatur von 1931. Und er fügt an, wenn wir uns von der Wissenschaft sagen lassen, dass einige Sterne Jahrmillionen brauchen, um ihr Licht zur Erde zu senden, dann sei es ja wohl eine Selbstverständlichkeit für uns, auch daran zu glauben, dass die Leuchtkraft des Geistes der letzten Jahrhunderte auf dem Weg zu uns nicht verloren gehen kann. – Sie ging nicht ganz verloren, trotz der dunklen Jahre in Deutschland. Und in den Jahren nach dem Krieg, in denen so viele gute und notwendige Bücher entstanden sind, hat es nicht zu leuchten aufgehört. Bis heute. Und in der Zuversicht, dass es auch in der Zukunft weiterleuchten wird, ist dieses Buch geschrieben.”

    Naja, wollte man diese Herleitung genauer unter die Lupe oder vors Fernglas nehmen, sie gar an den Maßstäben exakter Wissenschaft messen, es käme allerlei Schiefes und Krummes und Falsches dabei ans Tageslicht. So läge die Leuchtkraft des hier bemühten Christoph Martin Wieland, in Lumen gemessen, wohl unter der einer handelsüblichen 60-Watt-Birne.

  5. Günter Landsberger Says:

    Sofort denke ich auch noch an einen auf Shakespeare bezogenen Goethevers aus einem seiner an die Frau von Stein gerichteten Gedichte:
    “William, Stern der höchsten Höhe”.

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