Ravashi-Syndrom

apfel

In dem sehenswerten Film Adams Äpfel von Anders Thomas Jensen (Dänemark 2005) diagnostiziert Dr. Kolberg bei dem durch keine persönliche Katastrophe von seinem festen Glauben an das Gute abzubringenden Pfarrer Ivan, der an einem tennisballgroßen Hirntumor leidet, ein “Ravashi-Syndrom”.

Dieses Krankheitsbild, das man merkwürdigerweise weder im Klinischen Wörterbuch von Willibald Pschyrembel noch im Lexikon der Medizin von Zetkin und Schaldach findet, ist laut Dr. Kolberg nach einem indischen Fußballspieler benannt, der sich bei einem Go-Kart-Unfall beide Füße abtrennte und anschließend nach Hause lief, ohne von dieser dramatischen körperlichen Beeinträchtigung Kenntnis zu nehmen. Ja, mehr noch: Ravashi läuft in den nächsten Wochen auf seinen Stümpfen zu mehreren Fußballmatches seiner Mannschaft auf und schießt als Mittelfeldspieler etliche Tore!

Ist dies nicht ein wunderbar treffendes Bild für die Unverdrossenheit, mit der wir trotz aller irreversiblen Beschädigungen unserer Lebensgrundlagen weitermachen, als wäre nichts gewesen? Augen zu und durch? Business as usual? „Apokalypse-Blindheit“ hat Günther Anders dieses Syndrom genannt.

Der wirklichkeitsblinde Pfarrer Ivan in Jensens Film wünscht sich von seinem Schutzbefohlenen, dem bösen Skinhead Adam, einen Apfelkuchen. Aber der Baum, der dazu die Äpfel liefern soll, wird von allerlei Plagen heimgesucht. Erst fällt ein Schwarm schwarzer Raben über die noch unreifen Früchte her, dann dezimiert ein Wurmbefall den traurigen Rest, und schließlich schlägt gar noch der Blitz in den Stamm ein. Ein einziger Apfel, den der Trinker, Vergewaltiger und Kleptomane Gunnar gestohlen hatte, bleibt übrig. Daraus backt dann Adam sein Küchlein für den Pfarrer. Ein Rest Hoffnung bleibt bis zuletzt: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ (Martin Luther)

Wir alle leiden offenbar längst unheilbar am Ravashi-Syndrom. Eine Therapie ist bisher nicht bekannt. Gäbe es sie und wäre sie erfolgreich, dann führte sie gewiss zum sicheren Tod.

14 Responses to “Ravashi-Syndrom”

  1. Günter Landsberger Says:

    Wie hieß es schon bei Nietzsche im Erstlingswerk, seiner Schrift “Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik”?:
    “Die Erkenntnis tötet das Handeln, zum Handeln gehört das Umschleiertsein durch die Illusion – das ist die Hamletlehre.”

  2. socursu Says:

    Und Adam ist in diesem Film noch nicht einmal der Böse, scheint mir – ganz im Gegenteil – der einzig Normale in dem Tollhaus zu sein.
    Eine (zugegeben drastische) Therapie wird ja nun auch dargestellt- wenn auch eine mit ungewissem Ausgang, so man sie denn nachexerzieren wollte.

  3. Klaudia Says:

    Wenn man schwarz-weiß denkt ist hier Gute ist der Böse und umgekehrt.
    Der Film ist ja gespickt mit geschickt platzierten religiösen Symbolen. Mein Lieblingsmotiv ist der umgestürzte, verkohlte Baum vor der Kirche. Eine Gottesanbeterin.

  4. Matta Schimanski Says:

    Nun ja, der Tod ist so oder so sicher.

    Man kann unter Umständen Einfluss darauf nehmen, ob er schwer sein wird oder nicht; man kann, wenn man genügend Mut oder Leidensdruck hat, den Zeitpunkt selber bestimmen; man kann ihn vielleicht sogar hinauszögern (was man bei bestimmten Krankheiten mit einer Therapie tut oder versucht).

    Und je nach Charakter kann man aus der dem Tod vorhergehenden Phase, dem Leben, entweder alles Negative ignorierend (also mit Ravashi-Syndrom) für sich das Beste machen – das wäre wahrscheinlich das Angenehmste – oder sich selbst die Hölle auf Erden bereiten oder eine der zahlreichen Mischformen wählen, was wohl die meisten tun.

    Man kann ihn fürchten oder herbeisehnen, aber verhindern kann man den Tod nicht.

    Und wie man auch wählt – am Ende ändert das nichts.

  5. Günter Landsberger Says:

    “Wer ist wohl dieser unbekannte Mensch, der ich bin …”
    (Ramuz, Tagebücher)

  6. Günter Landsberger Says:

    “Man kann ein Leben nicht so einrichten wie ein Turner den Handstand.” (Franz Kafka)

  7. Günter Landsberger Says:

    “Der angeblich tiefste Denker unserer Gegenwart, der große Hegel, der an einer Indigestion von zu viel gefressener Wurst stirbt, ist doch zum Beispiel ungeheuer humoristisch.” (aus einem Brief des achtzigjährigen Fürst Pückler-Muskau)

  8. Revierflaneur Says:

    Liebe Matta, ich hatte aber hier weniger die Verdrängung der individuellen Todesgewissheit im Sinn, die gab es ja schon immer, seit der Mensch sich seiner Sterblichkeit bewusst wurde. Mein Beitrag zielte vielmehr auf die Ignoranz gegenüber dem drohenden globalen Overkill, sei’s plötzlich durch einen nicht mehr zu stoppenden Schlagabtausch der Weltmächte mit Nuklearwaffen, sei’s schleichend durch die unumkehrbare Vernichtung unserer Biosphäre. Diese “Apokalypseblindheit” ist eine durchaus neue Wahrnehmungsstörung, weil wir ja schließlich mit der Möglichkeit und zunehmenden Wahrscheinlichkeit eines selbstverschuldeten kollektiven Untergangs unserer Art erst durch die dazu erforderlichen technischen Mittel konfrontiert sind. Die Apokalypseängste früherer Generationen waren unbegründet, beruhten auf einer Überschätzung der Zerstörungskräfte der Natur oder auf der irrationalen Angst vor dem Zorn eines “allmächtigen Gottes”. Dass die Untergangsprophezeiungen falscher Propheten und Kaffeesatzleser niemals eintraten, hat uns gegenüber den nun sehr real gewordenen Bedrohungen abgestumpft.

  9. Günter Landsberger Says:

    Einer der beachtlichsten Kurzprosatexte, die die Apokalypseblindheit von heute (und morgen?) zum zentralen Gegenstand haben, ist meiner Kenntnis nach Günter Kunerts “Sintflut”.

  10. Günter Landsberger Says:

    Diesen parabolischen Kunert-Text kenne und verbreite ich schon etwa 30 Jahre lang. Mit welchen Auswirkungen? Ich weiß es nicht, mache mir aber auch keine Illusionen.

  11. Matta Schimanski Says:

    Gut, lieber Manuel, das ist natürlich eine andere Dimension.
    Aber ist der kollektive Untergang tatsächlich schlimmer als der individuelle Tod?
    Für die Erde, denke ich, wäre der Untergang der Menschheit wohl eher von Vorteil.
    Und der Mensch selber würde ja nicht mehr merken, dass er nicht mehr da ist.

    Dass die Menschen gegenüber der drohenden Apokalypse abgestumpft sind, hat meiner Meinung nach weniger mit früheren Kaffeesatzlesern zu tun als vielmehr damit, dass durchaus ernst zu nehmende Bedrohungen z. B. der 70er- und 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts dann doch abgewendet wurden.

    Glücklicherweise einerseits – andererseits scheint dies das Gefühl verstärkt zu haben, dass “wir” es ja doch immer noch schaffen können und werden, Gefahren dieser Art zu entschärfen und abzuwehren.

  12. Revierflaneur Says:

    Liebe Matta, was die Gründe für die Abstumpfung angeht, hast Du vermutlich Recht. Auch die Gattung ist wohl eher vom Kurzzeit- als vom Langzeitgedächtnis bestimmt.

    Aber die Drohung des kollektiven Untergangs finde ich doch schlimmer als die des individuellen Tods. Bei letzterem gibt es doch noch immerhin den Trost, dass ich in meinen Nachkommen weiterleben, sowohl genetisch als auch durch die Werte, Erfahrungen usw., die ich ihnen vermittelt habe, bis hin zum materiellen Erbe, das ich ihnen hinterlasse.

    Wenn heute immer weniger Menschen in den westlichen Industrienationen bereit sind, Kinder in die Welt zu setzen, ist das vielleicht nicht nur reine Bequemlichkeit, sondern liegt zu einem Teil auch daran, dass diese über den eigenen Tod hinausweisende Zukunftshoffnung zerstört wird.

  13. Matta Schimanski Says:

    Vielleicht hast du Recht, aber ich habe oft den Eindruck, dass die Menschen eher von dem (durchaus richtigen) Gedanken erfüllt sind: “Es gibt ein Leben vor dem Tod!” Und ein Leben mit Kindern – du weißt das! – bedeutet viel Freude, aber auch viel Ungemach, Herzeleid und schwere Verantwortung. Und das wollen sich viele Leute nicht antun, davon bin ich überzeugt. Oder sie glauben, sie seien nicht geeignet, Kinder großzuziehen.

    Und was diese Zukunftshoffnung angeht: ich habe schon viel darüber nachgedacht, ob ich tatsächlich den Wunsch habe, dass in meinen Kindern etwas von mir weiterlebt. Ich bin zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen, glaube aber eher, dass es nicht so ist. Natürlich habe ich versucht, ihnen meine Werte zu vermitteln – aber das versuche ich bei Kindern anderer Leute auch (in der Schule z.B.), und in denen k a n n ich doch gar nicht weiterleben wollen.

    Daher kann ich die Drohung des kollektiven Unterganges, glaube ich, nicht als schlimmer als den individuellen Tod empfinden. (Höchstens weil die Art und Weise wahrscheinlich recht unschön wäre, und einen unschönen Tod will ich natürlich nicht, ich Feigling.) (Das kann aber beim individuellen Tod auch so sein – Mist!) Tot ist tot und weg ist weg.

  14. Jasmin Says:

    Ist das nicht ein wunderbares Beispiel dafür wie stark unser Gehirn unseren Körper steuert á la Placebo-Effekt usw. Man kann sogar einen Tumor verdrängen und sich somit selbst heilen. Ist das nicht eher etwas erstrebenswertes und sollte uns zu denken geben angesichts der Tatsache wie viel Pillen wir jährlich vertilgen?
    Ich sehe das z.B. komplett andersrum, als Beispiel dafür, dass man trotz allen Tiefschlägen die das Leben so zu bieten hat – und jeder hat so seine Päckchen zu tragen – es selber in der Hand hat wie man die Dinge sehen und nehmen kann. Jeder trägt den Schlüssel seines eigenen Glücks selbst in der Hand. Und es ist doch sowas von scheißegal wie verrückt oder unrealistisch die Vorstellung der Menschen ist, solange sie glücklich dabei sind und keinen anderen damit verletzen sind sie mir lieber als die jammernden Schwarzseher die sogar die schönsten Sachen schlecht reden können und Ähnliche Genossen und wahrscheinlich sind sie auch zufriedener und geht es im Leben nicht genau um das? Und genau hier fängt es an mit den zwei Deutungen des Films bzw. des Snydroms. Sie haben es negativ gesehen ich positiv. Man hat in jeder Sekunde unseres Leben die Macht der Entscheidung. Also macht was draus.

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