Ecce Dodo

dodo

Die verstoßenen Außenseiter waren mir schon immer sympathischer als die erfolgreichen Durchschnittsmenschen, die hungrigen Bohemiens standen mir jederzeit näher als die satten Spießer, die eingesperrten Verrückten schienen mir jedenfalls lebendiger als die frei herumlaufenden Geistgesunden, der exaltierte Veitstanz weckte weit eher meine Zuneigung als die ruhige Abfahrt auf dem Mainstream.

Lieber wollte ich ein seltener Vogel sein, als ein häufiger Biedermann, der seinen im Käfig ratlos hin und her hüpfenden Wellensittich füttert.

Eher als der großartige Geheimrat Goethe war mir sein mickriger Adlatus Eckermann eine merkwürdige, bemerkenswerte Erscheinung: ein Vogelnarr erster Güte. Durch dessen sehr verschiedene, von der Nachwelt verkannte Augen war sein saturierter Herr und Meister vielleicht nur ein Vogel neben anderen, ein schräger unbedingt, wenngleich mit weiten Schwingen versehen, ein überaus gesprächiges Federvieh zwar.

Was sich in dieser verkommenen Menschenwelt zu Lebzeiten als Genie aufplustert und posthum zum Klassiker mausert, kann ja bloß minderen Wertes sein sub specie aeternitatis.

Vielleicht hat das edelste Wesen, das je auf dieser Erde gelebt hat, die wahre Krönung der Schöpfung, längst schon das Zeitliche gesegnet. Vielleicht leben wir, diese durch nichts als ihre massenhafte Verbreitung ausgezeichnete Art, bloß noch für ein knappes Weilchen als epidemische Seuche in der Nach-Dodo-Ära. Dann möchte ich in diesem endzeitlichen Geflügelschwarm jedenfalls lieber eine übersehene Dronte sein als ein erhabener Wappenadler.


14 Responses to “Ecce Dodo”

  1. Günter Landsberger Says:

    Einerseits rennst du bei mir offene Türen an, die Konstellation Karl Krumhardt – Velten Andres, Kapellmeister Kreisler – Kater Murr, Thomas Mann – Robert Walser usf. ist mir bestens vertraut und lieb; dennoch das Auftrumpfen mag ich auch hier nicht. Mir scheint, der sich verabsolutierende Außenseiter verliert am Ende selber sein Bestes.
    Ähnlich wie der Machiavellist sich als solcher desavouviert, wenn er sich offen zu Machiavelli bekennt.

  2. Günter Landsberger Says:

    Und wenn Du auch darin recht haben solltest, dass wir aufs Große gesehen in der Endzeit der Menschheit leben, so sehe ich keinen Sinn darin, dies ständig apokalyptisch zu betonen. Ob nun mit oder ohne den Glauben an einen Gott. Selbst wenn der Mensch seine Blütezeit schon hinter sich haben sollte, am Ende gar ein Auslaufsmodell ist oder wäre, möchte ich mein Bewusstsein nicht daran hängen, dass wir in einer derartigen Sauce stecken. Ich spüre in uns Menschen hie und da noch andere Kräfte sich regen, die sich mit der Verrottung und der Vergeblichkeit nicht abfinden. Da ist mir sogar noch der Dostojewskijsche Kellerlochmensch lieber, der sich, solange er lebt, nie damit abfinden kann und will, eine bloße Klaviertaste zu sein.

  3. Matta Schimanski Says:

    Aber man muss doch die Augen aufhalten für das, was der Mensch der Erde und auch seinen Kindern und Kindeskindern antut.

    Und je weniger Menschen das tun, je mehr Menschen in dem Bewusstsein (?) leben, wir könnten alles tun und alles nach Gutdünken verändern und erforschen und ausbeuten und uns “untertan” machen – oder auch einfach nur aussitzen -, desto schneller (und schlimmer?) wird tatsächlich alles zu Ende gehen.

    Ihr Wohlwollen und Ihr Optimismus in allen Ehren, lieber Herr Landsberger, aber mir will eine besonders positive Sicht nicht gelingen, auch wenn ich natürlich genauso wenig ununterbrochen Trübsal blasen kann.

  4. Günter Landsberger Says:

    Damit ich nicht missverstanden werde: Ich bin für den Verbund von theoretischem Pessimismus als Wachsamkeit mit praktischem Optimismus.
    (Ein Lehrer ohne jeden pädagogischen Optimismus bei aller notwendigen Illusionslosigkeit ist doch auch nicht vorstellbar.)

  5. Günter Landsberger Says:

    Zwei Zitate, die ich schon vor etwa 44 Jahren notiert habe:

    Theodor Fontane: “Es gibt nur ein Mittel, sich wohl zu fühlen: man muß lernen, mit dem Gegebenen zufrieden zu sein und nicht immer das verlangen, was gerade fehlt.”
    (notiert am 14.03.1964)

    Blaise Pascal: “Sorglos eilen wir in den Abgrund, nachdem wir etwas vor uns aufgebaut, was uns hindert, ihn zu sehen.”
    (notiert am 22.10.1963)

  6. Günter Landsberger Says:

    Eigenes Notat vom 18.01.1964:

    Verkehrung der Welt

    Die Fischer zogen einst aus, um Fische zu fangen, um von dieser Nahrung zu leben. Nun aber fischen sie, ohne Hoffnung, je etwas zu fangen, aber auch ohne Verzweiflung darüber, im Leeren, nur im Vorgang des Fischens selbst noch lebend, und nur in ihm.

  7. Revierflaneur Says:

    “Wenn die Gewohnheit, die Dinge zu sehen, wie sie sind, zur fixen Idee wird, weint man dem Narren nach, der man war und nicht mehr ist.”

    Émile M. Cioran: “Vom Nachteil geboren zu sein.” (1973)

    Erkenntnis ist unheilbar.

  8. Günter Landsberger Says:

    Das erste Buch, das ich von E. M. Cioran in den siebziger Jahren nach dem von Paul Celan Ende der vierziger Jahre übersetzten Band “Lehre vom Zerfall” gelesen habe, war “Die verfehlte Schöpfung”. Mir ist klar, dass du von dieser Position nicht allzuweit entfernt bist.

  9. Revierflaneur Says:

    Nein, weit gefehlt, lieber Günter! Eine “Position” habe ich als Flaneur ja nicht, bin vielmehr immer in Bewegung, wenngleich sehr langsam, Schrittchen für Schrittchen, und in ständig wechselnden Richtungen.

  10. Günter Landsberger Says:

    Von einer Position, lieber Manuel, als Deinem Ziel oder Zustand habe ich ja auch gar nicht gesprochen, sondern nur von der Nähe, in die Du zu einer bestimmten Position, ohne diese vollauf übernehmen zu müssen oder gar übernommen zu haben, geraten bist bzw. gekommen zu sein scheinst.

  11. Revierflaneur Says:

    Ach so, “gekommen zu sein scheinst”? Das erinnert mich an das gnadenlose Verdikt meines trotzdem verehrten Deutschlehrers am Essener Helmholtz-Gymnasium, Alfred Winterscheidt: “Heßling? Mehr Schein als Sein!” Wenn er wüsste, was er damit angerichtet hat.

  12. Günter Landsberger Says:

    Aber Manuel, wenn ich mal vorsichtig bin in der Formulierung (im Sinne von: mir scheint es so, aber ich kann mich täuschen), ist es Dir auch nicht recht. (Wie kannst Du bei mir auch immer nur sofort an einen Deutschlehrer denken?)

  13. Revierflaneur » Blog Archiv » Donnerstag, 5. Juni 2008: Eccentrics I Says:

    […] ganz weit draußen schließlich, am äußersten Rand, schwirren jene lebensuntüchtigen Außenseiter umher, die auf diese oder jene Weise dazu beitragen, die Möglichkeiten des Menschseins um eine […]

  14. Revierflaneur» Blogarchiv » Sonntag, 28. Dezember 2008: Narratorium Says:

    […] den Rang abgelaufen haben könnte. Mitnichten! Weder Siemsen noch Baggesen, weder der liquidierte Dodo noch der selbsttrepanierte Bart Huges, weder der Essener Pferde- noch der ebendort zwitschernde […]

Leave a Reply