Verletzung

Das wäre also auch überstanden: der Papst-Besuch in den USA. Wenn man sich dafür interessierte, was Ratzinger denn nun wortwörtlich gesagt hat vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen, beim viel beschworenen Höhepunkt seines ersten Auftritts im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, dann musste man schon zur New York Times greifen, per Mausklick. Andernorts fand man bloß mickerige Inhaltszusammenfassungen.

Und selbst die „alte Tante“ NYT (Uwe Johnson) machte es dem Aufklärungswilligen nicht eben leicht. Sie brachte den kompletten Redetext zwar per Videostream auf den Bildschirm, aber das nebenher laufende Manuskript der englischen Übersetzung musste ich mir schon mühsam Wort für Wort abschreiben. Benedikt XVI. setzte seine programmatische UN-Rede portionsweise gleich zweisprachig in Szene und bewies damit seine Vielsprachigkeit medienwirksam in Französisch und Englisch.

Mich beschäftigt hier allein ein einziger Satz des Papstes, als warnendes Wort zum wissenschaftlichen Fortschritt gemeint. „Notwithstanding the enormous benefits that humanity can gain, some instances of this represent a clear violation of the order of creation, to the point where not only is the character of life contradicted, but the human person and the familiy are robbed of their natural identity.“ (So die Übersetzung der NYT aus dem französischen Original; kursive Hervorhebung von mir.)

Wir haben es also nach den Worten des Papstes in einigen Fällen wissenschaftlicher Forschung – Benedikt XVI. spielt damit auf die embryonale Stammzellenforschung an – mit einer „eindeutigen Verletzung der Schöpfungsordnung“ zu tun? Da tritt also ein Homo sapiens, als Stellvertreter Christi auf Erden, mithin als Repräsentant einer der herrschenden Weltreligionen, vor den höchsten weltlichen Rat dieser missglückten Art, mit einer solchen mickerigen Sorge?

Ach, lass Dir doch von einem jugendfrischen, klarsichtigen und respektlosen Revierflaneur sagen, wie es sich tatsächlich verhält, lieber Joseph Ratzinger: Wir Menschen, einerlei ob religiös oder nicht, ob Muslime, Christen, Buddhisten, Juden, Hinduisten oder Atheisten, sind allesamt, wie wir (noch) da sind, „eine eindeutige Verletzung der Schöpfungsordnung“. Und wenn Du das immer noch nicht begriffen hast, dann kann Dir kein Gott mehr helfen.

One Response to “Verletzung”

  1. Matta Schimanski Says:

    Das nicht zu begreifen ist doch Voraussetzung dafür, Papst werden zu können.

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