Papstreise

Der Katholik Joseph Ratzinger hat seine morgige Geburtstagsparty ins Weiße Haus verlegt. Der Protestant George W. Bush, Haupttäter des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs gegen den Irak, holte ihn soeben höchstpersönlich in Begleitung von Ehefrau Laura und Tochter Jenna von der Andrews Air Force Base in der Nähe von Washington D. C.  ab – eine Ehre, die der 43. Präsident der USA bisher noch keinem Staatsgast zuteil werden ließ.

Im Weißen Haus wird der Papst an seinem 81. Geburtstag mit militärischen Ehren im Land der Waffennarren und der Todesstrafe empfangen. Nahezu zwölftausend Gäste sind zu einem Festessen auf dem grünen Rasen geladen. Auf der Speisekarte des Galadinners stehen bayerische Spezialitäten. Da dürften dann wohl solche Schmankerln kredenzt werden wie weißer Presssack, Altmühltaler Weidelamm und Allerseelenzopf, auch Seelenspitzen genannt.

Der Pontifex selbst nimmt an dem Festschmaus zu seinen Ehren aber gar nicht teil, sondern feiert derweil lieber einen Vespergottesdienst mit den Bischöfen des Landes in der Basilica of the National Shrine of the Immaculate Conception. Einig sind sich Bush jun. und Ratzinger in ihrer Ablehnung der Abtreibung und der embryonalen Stammzellenforschung. Der Papst ist übrigens auch entschiedener Gegner des sexuellen Missbrauchs minderjähriger Messdiener durch katholische Geistliche, eine sehr verbreitete Folgeerkrankung des Zölibats, für die in den letzten Jahren in den USA Entschädigungszahlungen an die Opfer in Milliardenhöhe fällig wurden. (George W. Bush, als reformierter Christ, muss dazu ja gottlob keine Meinung haben.)

Der erste USA-Besuch von Benedikt XVI. endet am kommenden Sonntag. Vor seinem Rückflug nach Rom wird er um halb zehn Uhr New Yorker Ortszeit an Ground Zero für die Seelen der Opfer des Anschlags vom 11. September 2001 beten. Wir vertrauen darauf, dass er die noch weit zahlreicheren, indirekten Opfer dieses abscheulichen Verbrechens an anderen Orten der Welt, in Afghanistan etwa und Irak, in seine Fürbitte mit einschließen wird.

Auch vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen wird Ratzinger auftreten und dort am Freitag eine programmatische Rede halten. Seine Vorgänger Paul VI. und Johannes Paul II. besuchten den Glaspalast traditionell im Herbst (der Jahre 1965, 1979 und 1995). So hatte es ursprünglich auch Benedikt XVI. geplant, doch seine Ratgeber empfahlen ihm, die Reise vorzuverlegen, um nicht in Versuchung zu kommen, Einfluss auf die Präsidentschaftswahl am 4. November zu nehmen. Man weiß ja seit Regensburg, wie schnell sich der Papst verplappert. Nicht auszudenken was geschähe, wenn ihm auf die Frage, ob er nun für Clinton oder Obama sei, ein unbedachtes „tertium datur“ über die Lippen käme.

9 Responses to “Papstreise”

  1. Günter Landsberger Says:

    Im Herbst 1966 habe ich auf einer interdisziplinären Tagung über “Utopie” in Ebrach einen gehört, einen sauerländischen Katholiken, der sich nicht einkriegen wollte über dieses Sakrileg und die Erstmaligkeit dieses Sakrilegs: “Der Papst in der UNO!” Und mehrmals. Und unaufhörlich: “Der Papst in der UNO!” Dieser “eine” war – horribile dictu -: Carl Schmitt.

  2. Günter Landsberger Says:

    http://www.freitag.de/2000/43/00431001.htm

  3. Günter Landsberger Says:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Methodistische_und_Wesleyanische_Kirchen

  4. Günter Landsberger Says:

    Als Protestant wäre ich dem Beiträger dafür dankbar, wenn er den Protestantismus etwas differenzierter sähe. Zumindest ist der “Protestantismus” von George W. Bush nicht der meine. Ich hätte nichts dagegen, wenn er als Methodist bezeichnet würde. Wenn es Methodisten geben sollte, die sich auch gegen diese Vereinnahmung wenden wollen, dann mögen auch die sich rühren.

  5. Revierflaneur Says:

    Nun ja, lieber Günter, ich bin wie bekannt nun mal bekennender Atheist. Und als solcher empfinde ich die differenzierende Betrachtung der mannigfaltigen Glaubensrichtungen gleich welcher Religion als reinste Zeitverschwendung. Aus gleichen Gründen befasse ich mich lieber mit Fragen der Philosophie als mit denen der Orchideenkunde. Einzig und allein der aus meiner Sicht traurige Umstand, dass ein überwiegender Teil der Menschheit noch immer dem archaischen Glauben an einen “Gott” oder an “etwas Göttliches” anhängt, veranlasst mich gelegentlich zu solchen Beiträgen wie diesem. Auch zu einer differenzierten Darstellung der Glaubensgrundsätze der pennsylvanischen Schwenkfelder

    http://de.wikipedia.org/wiki/Kaspar_Schwenckfeld

    fehlen mir sowohl die Zeit, als auch die Kraft – und vor allem das Motiv. Die von den dominierenden Weltreligionen zu ihrer Legitimation gegenüber gottläubigen Splittergrppen ins Feld geführte Unterscheidung zwischen “ernsthaften Religionen” und “obskuren Sekten” hat mich übrigens noch nie überzeugen können.

  6. Günter Landsberger Says:

    Kennt, lieber Manuel, denn der Atheismus gar keine Differenzierungen?
    Gibt es denn nicht auch in seinem eigenen Falle Binnendifferenzierungen, also inneratheistische Unterschiede?

  7. Matta Schimanski Says:

    Das ist eine interessante Frage.

    Natürlich gibt es verschiedene philosophisch-theoretische Ansätze zum Atheismus, aber die “praktische” Auswirkung bleibt doch schlussendlich das Abstreiten der Existenz eines Gottes (oder mehrerer Götter) jenseits der erfahrbaren Welt.

    Gibt es also einen Unterschied zwischen “kein Gott” und “kein Gott”?

  8. Matta Schimanski Says:

    Hier sind drei Zitate aus den heutigen Nachrichten, die zusammen ein recht verräterisches Bild ergeben:

    “Den vom Vatikan abgelehnten Irak-Krieg erwähnte Benedikt in seiner Ansprache nicht ausdrücklich.”

    “Bush würdigte seinen Gast als wichtigen Fürsprecher für Werte und Moral: `In einer Welt, in der viele den Wert des Lebens missachten, benötigen wir Ihre Botschaft, dass jedes Leben heilig ist.´ ”

    “Das Oberste Gericht der USA hat die weitere Vollstreckung der Todesstrafe ermöglicht. In einem Grundsatzurteil erklärte der Supreme Court in Washington die in vielen US-Bundesstaaten übliche Hinrichtung per Giftspritze für rechtens.”

  9. Matta Schimanski Says:

    Da könnte man doch schwankend werden, oder?

    http://tinyurl.com/4rwdlr

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