Beim Barte des Herrn M.

Eins meiner vielen Mittel gegen schlechte Laune, und eins der zuverlässigsten, ist das Stöbern in Nachschlagewerken, zumal in alten Lexika. Dank Digitalisierung der teils gigantischen Textvorräte auf CD-ROM und im Internet ist die Auswahl groß und der Platzbedarf minimal. Zudem entfällt das für uns leptosome Schwachmatiker kraftzehrende Stemmen pfundschwerer Wälzer.

Heute „blätterte“ ich mal wieder in der vierten Auflage von Meyers Konversationslexikon aus den Jahren 1885 bis 1892. Wo es früher raschelte, klickt es heute nur noch gelegentlich. Die ohnehin schon diskrete Tätigkeit des Lesens ist damit noch leiser geworden. Den Meyer gibt es im Internet bei der retro-Bibliothek, einem Projekt mit Sitz in Ulm, das „vornehmlich alte Nachschlagewerke um 1900 herum retrodigitalisieren und im Internet verfügbar machen“ möchte. Mittlerweile findet man dort auch einen alten Brockhaus, Merck’s Warenlexikon von 1884 und weitere interessante Nachschlagewerke aus dieser Zeit.

Heute stieß ich im Meyer zufällig auf das Stichwort „Mohammed“ (Band 11, S. 705 f). Beim Barte des Propheten, der „Gepriesene“ schneidet nicht gut ab. Fast muss man sich sorgen, dass der eine oder andere Passus in diesem Lexikon-Artikel von einem streng gläubigen Muslim unserer Tage als Verunglimpfung aufgefasst werden könnte. So heißt es dort etwa: „Eine tiefere Kenntnis vom Juden- und Christentum ging M[ohammed] sicher ab; doch wußte er, daß die Gläubigen dort den Messias, hier den Parakleten erwarteten. […] Der bisherige Kaufmann zog sich brütend in die Einsamkeit zurück, Visionen und Träume kamen dazu, und bald erschienen ihm alle ihm zuströmenden Ideen als absolute Offenbarungen, welche die übrigen Menschen ohne Widerrede hinzunehmen hätten. Es war in M[ohammed] von Anfang an etwas Krankhaftes; er litt namentlich von Kindheit an an epileptischen Zufällen, aber auch diese, vom gewöhnlichen Aberglauben auf dämonische Besessenheit zurückgeführt, wurden ihm ein Zeichen, daß himmlische Mächte von ihm Besitz ergriffen hätten. […] Bald nach seiner Ankunft in Medina verheiratete sich der 50jährige M[ohammed] mit Abu Bekrs Tochter Aischa, und fortan mehrte sich die Zahl seiner Frauen alljährlich. Sein Charakter zeigte sich fortan in weniger günstigem Licht als bisher unter Verfolgungen und Mühsalen. […] Ein Zug Mohammeds gegen die mit den Mekkanern verbündeten jüdischen Stämme endete mit der Hinrichtung von 700 Juden. Dies war die blutigste von vielen Thaten der Rachsucht, die der Prophet sich mit der Zeit erlaubte. Im Äußerlichen hielt er es wie früher. Den einzigen Luxus, den M[ohammed] mit der Vergrößerung seiner Macht trieb, war die Erweiterung seines Harems […].“

Nicht umsonst heißt es ja aber im Impressum der retro-Bibliothek: „Die hier zur Verfügung gestellten Inhalte sind […] sehr alt. Sie erheben keinen Anspruch darauf, auch heute noch richtig zu sein. Jedwelche in den Texten vertretenen Ansichten oder Anschauungen spiegeln die Zeit wieder [!], in der das jeweilige Werk erschienen ist und haben nichts mit den Ansichten oder Anschauungen des Betreibers oder der Korrektoren zu tun.“ Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

An die aufgeklärte Gegenwart erinnert zudem ein modernes Werbebanner gleich rechts neben dem Mohammed-Artikel. The International Muslim Matrimonial Site ermöglicht die bequeme Ehevermittlung zwischen Muslim und Muslima per Mausklick. Erstaunlicherweise kann man in der „Quick Search“ offenbar auch homosexuelle Partnerschaften anbahnen: „I’m a woman seeking a woman?“ – „I’m a man seeking a man?“ No problem. Geht alles. Vielleicht kommen wir ja irgendwann dazu, den polygamen Herrn M. als einen Wegbereiter sexueller Libertinage zu feiern. Immerhin hinterlässt mich die Gegenüberstellung des alten Lexikonartikels und des neuen Eheanbahnungsportals in bester Stimmung. Mein Wundermittel gegen schlechte Laune hat wieder mal gewirkt.

(Für Hatice Akyün.)

One Response to “Beim Barte des Herrn M.”

  1. Günter Landsberger Says:

    Ein Satz, der in beiden Fällen ausdrücklich ein Mohammed-Zitat zu sein beanspruchte, bildete bei gleich zwei Autoren der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das jeweilige Motto a) eines Erzählbandes (von Woldemar Nürnberger alias Solitaire) und b) des Romans “Abu Telfan” von Wilhelm Raabe:
    “Wenn ihr wüßtet, was ich weiß, würdet ihr viel weinen und wenig lachen.”

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