Zensur

Ich stehe noch immer unter Schock. Da hätte ich doch heute, von einer fiebrigen Erkältung geschwächt, beinahe bei Westropolis eine Buchbesprechung veröffentlicht, die ins Leere läuft, weil man dieses Buch nicht mehr kaufen kann; und zwar, ohne wenigstens auf diesen traurigen Umstand hinzuweisen.

Nur durch Zufall blieb mir diese Peinlichkeit erspart. Auf dem Umweg über eine kleine Notiz im Literaturteil der Süddeutschen Zeitung entdeckte ich, dass das Buch von Frank Müller über den Buchstaben ß, das soeben im Frankfurter Eichborn-Verlag erschienen ist, gleich wieder vom Markt genommen werden musste, weil Müller ganze Textpassagen von einem halben Dutzend anderer Autoren wortwörtlich übernommen hat, ohne die Zitate als solche kenntlich zu machen und seine Quellen eindeutig zu benennen.

Aber auch ein solches Beinahe-Malheur hat ja seine guten Seiten. Erfreulich daran ist, dass ich nun stolzer Besitzer eines Buches bin, das sonst kaum einer hat und das auch nicht mehr zu haben ist. Von solchen indizierten Büchern besitze ich mittlerweile eine stolze kleine Sammlung. Als besonders prominente und gesuchte Beispiele nenne ich nur die unzensierte Erstausgabe von Ernst Herhaus / Jörg Schröder: Siegfried (1972), die Gebrauchsanleitung zum Selbstmord von Claude Guillon und Yves Le Bonniec (1982) sowie Maxim Billers Esra (2003).

Lars Gustafsson hat sich einmal gegen das Verbot von Manfred von Richthofens Autobiographie Der rote Baron (1917) in seinem Heimatland Schweden ausgesprochen; ich meine, der Text steht in seinem Essayband Utopien (dt. 1970). Das Denken und Urteilen, so Gustafssons klare Überzeugung, muss man in einer Demokratie den mündigen Bürgern überlassen. Wenn man diese Grundfreiheit der Meinungsäußerung selbst in extremen Fällen von Missbrauch einschränkt, ist der Schaden größer als der Nutzen. Leider kann ich hier und heute nicht wörtlich aus Gustafssons Essay zitieren, das Bändchen ist unauffindbar in meinen Bücherkatakomben vergraben. Ich glaube aber, dass ich mich auch heute noch seinem libertären Diktum anschließen würde. Selbst das nach wie vor bestehende Verbot von Hitlers Mein Kampf halte ich für einen Fehler – und für ein Armutszeugnis unserer Demokratie.

Nun sind der Aufruf zum Massenmord, die Glorifizierung des Krieges, das Bekenntnis zum Rassismus einerseits, der Diebstahl geistigen Eigentums, die Beleidigung und Bloßstellung von Privatpersonen oder die Veröffentlichung von Cocktail-Rezepten zur schmerzfreien Selbsttötung andererseits gewiss zweierlei Paar Schuhe. Genau genommen stehen wir hier, bei der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der genannten „Tatbestände“, vor einem großen, unübersichtlichen Schuhregal, dessen Inhalt nur eins gemeinsam hat: Allesamt sind diese Schuhe unbequem. Und doch regt sich bei mir, wann immer ich davon höre, dass ein Buch „per einstweiliger Verfügung“ vom Markt genommen wurde, ganz gleich aus welchen Gründen, ein trotziger Widerspruch. Traut man mir – und damit auch dem übrigen Leserpublikum dieser Republik – nicht zu, mir selbst mein Urteil zu bilden? Meint man, meinen schlichten, unkritischen Geist vor diesen Machwerken in Schutz nehmen zu müssen? Wenn mir die Gelegenheit vorenthalten wird, die gegen die inkriminierten Bücher vorgebrachten Beschuldigungen selbst auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen, dann fühle ich mich entmündigt und als vollwertiger Bürger dieses freiheitlichen, demokratisch verfassten Staates nicht ernst genommen.

One Response to “Zensur”

  1. Günter Landsberger Says:

    Schon Jean Paul sah vor etwa 200 Jahren im Index, wie in jedem anderen Bücher verbietendem Buch oder Schriftstück, das einzige unter allen Büchern, das wirklich und mit Recht zu verbieten wäre.

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