Papeterie

„Fünf Sorten Papier habe ich auf Lager.“ Der Papierladenbesitzer machte eine weit ausholende Bewegung mit dem linken Arm, als wollte er damit den ganzen Erdkreis umspannen. „Fast jede Sorte steht für einen Menschentyp. Da hätten wir zunächst das linierte Papier für die Schreiberlinge.“ Aus der Miene, die er dazu schnitt, wurde ich nicht recht schlau. Seine wachen Äuglein waren weit aufgerissen, aber um seine Lippen kräuselte sich ein leichter Verdruss, als hätte er auf eine Zitrone gebissen.

„Sodann, dort, sehen Sie die Stapel mit kariertem Papier.“ Er schnaubte kurz. Oder war es ein Prusten? „Buchhalter, Pfennigfuchser, Wissenschaftler.“ Bildete ich’s mir nur ein, oder hatte er für einen kurzen Augenblick zu seiner Ladenkasse hinübergeschaut? „Diese beiden Typen machen zusammengenommen etwa die Hälfte meiner Kundschaft aus. Ich möchte aber für mich behalten, wie sich die Karierten zu den Linierten prozentual verhalten. Es ist zu traurig, zu traurig.“ Für einen Moment wandte er mir den Rücken zu.

„Und dort, hinten in der Ecke, das Notenpapier.“ Er sah an die Decke und machte ein Gesicht, als wollte er den Allmächtigen um Gnade für die verfluchten Seelen seiner Kunden bitten. „Ein Ladenhüter vor dem Herrn! Ich bitte Sie. Wer braucht denn heute noch Notenpapier? Es dudelt und schrammelt aus tausend Mikrophonen. Aber kein Mensch komponiert noch.“ Er sah mich durchdringend an, als trüge ich die Schuld an diesem schmerzlichen Verlust; und so brachte ich’s nicht übers Herz, ihn darauf hinzuweisen, dass das Geschrammele und Gedudele mitnichten aus Mikrophonen, sondern aus Lautsprechern schallt.

Er aber war schon bei seinem vierten Posten. „Was sich hier bis zur Decke stapelt, das nenne ich das Neutrale. Unliniertes, unkariertes, blütenweißes Papier, ohne jeden Aufdruck, ohne jede Struktur, rein weiß und blank, unschuldig und indifferent.“ Seine Augen waren für eine endlos lange Weile fest geschlossen. Ich rechnete mit allem. Ein Wutausbruch? Ein Gebet? Ein epileptischer Anfall? Nichts von alledem. Der Papierwarenhändler öffnete schließlich die Augen sehr langsam und sagte nahezu tonlos: „Druckerpapier. Die restlichen fünfzig Prozent.“

„Aber hatten Sie denn nicht von fünf Papiersorten gesprochen?“ Meine zaghafte Frage bereute ich sogleich, denn der zynische Blick, der mich nun traf, ließ mir das Blut in den Adern gerinnen. „Ich sagte fast, wenn Sie sich bitte erinnern wollen, junger Mann. Jene Papiersorte, die nun leider noch zu behandeln ist, sehen Sie dort. Meine hauptsächliche Einnahmequelle. Es ist bedruckt mit Blümchen- und anderen Mustern. Seine Bestimmung ist nicht, die Produkte des Geistes in die Welt zu befördern, sondern die Restbestände des Körpers aus der Welt. Soweit der Mensch bloß ein scheißendes Wesen ist, rechne ich ihn zur Tierwelt, der edlen Bestimmung des Papieres nicht würdig. Es lohnt nicht die Mühe, ihn zu typisieren. Und nun entschuldigen Sie mich bitte!“

2 Responses to “Papeterie”

  1. Günter Landsberger Says:

    Auch auf dem stillsten Örtchen kann man – horribile dictu – noch lesen und denken und sich dadurch möglicherweise als animal rationale bewähren.

  2. Revierflaneur Says:

    Und dann womöglich ein Blatt Klopapier als Lesezeichen nutzen? (Natürlich ein unbenutztes, versteht sich.) Nein, lieber Günter, ich widerspreche energisch. Auch in der Badewanne lese ich nicht und auch nicht beim Essen. Meine animalischen und rein körperlichen Bedürfnisse sind mir nämlich meiner ganzen, ungeteilten Aufmerksamkeit wert. Wie heißt es doch schon im Alten Testament der Bibel (Prediger 3,2)? “Lesen hat seine Zeit, Sch…en hat seine Zeit. “

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