Helter Skelter

 

11. Dezember 1956

 

Dass Babys per se süß sind, schien mir schon immer fragwürdig, wie jedes allzu selbstverständliche Urteil. Was sieht der Säugling mit seinen weit aufgerissenen Augen? Ist dieser Blick nicht eher dämonisch? Oder doch allenfalls animalisch? Unbedingt aber ein ewiges Rätsel?

Und dann diese Schreierei, die oft genug weder durch Stillen noch durch Wiegen noch durch guten Zuspruch aus der Welt zu schaffen ist. Was, wenn wir unsere ersten Lebensmonate allesamt als eine Hölle auf Erden empfunden haben? Das würde immerhin erklären, warum wir uns an diese Zeit nicht erinnern können.

Roman Polanskis Rosemary‘s Baby von 1968 begeht insofern einen der radikalsten Tabubrüche der Filmgeschichte. Und dass im Jahr darauf seine schwangere Frau Sharon Tate von der Manson-Family auf grässliche Weise abgeschlachtet wurde, könnte man, so man denn abergläubisch wäre, einem bösen Fluch zuschreiben, den er sich mit dieser Grenzüberschreitung zuzog.

Allein, der Gedanke an solche „Zusammenhänge“ ist geschmacklos. Es gibt keinen „Sinn“ hinter diesen Zufällen. Und ebensowenig steckt irgendeine Bedeutung in dem Umstand, dass vor jenem Dakota Building in New York, wo Rosemary‘s Baby gedreht wurde, zwölf Jahre später John Lennon auf seinen Mörder traf – selbst wenn man bedenkt, dass der Lennon-McCartney-Song Helter Skelter eine wesentliche Inspirationsquelle für Charles Mansons durchgeknallten Satanismus war.

Unsere naive Suche nach einem Webmuster des Schicksals ist gefährlich. Oder, wie Samuel Beckett einmal gesagt hat: „Wehe dem, der Symbole sieht.“ Vielleicht sehen süße Babys fortwährend Symbole. Sobald wir zu denken beginnen, müssen wir lernen, uns mit der sauren Zufälligkeit der Ereignisse abzufinden.

7 Responses to “Helter Skelter”

  1. Matta Schimanski Says:

    Oft versuche ich mir vorzustellen, wie und unter welchen Umständen alle Dinge auf der Welt geschehen. Was löst was aus, wer oder was beeinflusst wen oder was, und auf welche Weise?

    Indem ich dies hier schreibe, löse ich vielleicht eine Reaktion bei dir aus, die dann wieder eine Tätigkeit hervorruft oder eine verhindert, was sich dann wieder auswirkt auf meine oder irgendjemandes Tätigkeiten. Und so pflanzt sich das immer weiter fort, bis ins Unendliche.

    Vielleicht löse ich aber auch keine Reaktion bei dir aus. Dann bin ich enttäuscht oder erleichtert, egal – auf jeden Fall wird dies wieder meine Handlungsweisen beeinflussen, vielleicht schreibe ich nie wieder was hier, oder ich sage mir: “Jetzt erst recht!”, und während ich hier sitze und schreibe, fährt unten vielleicht ein Auto vorbei, das mich übern Haufen gefahren hätte, wäre ich statt zu schreiben aus dem Haus gegangen. Das Auto aber, auf diese Weise ungestört, fährt nun bis München, wo der Fahrer aussteigt und … usw. usf.

    Die Welt und das Gewusel auf ihr bestehen also aus einem Riesennetzwerk von schier unendlich vielen Tätigkeiten, Nicht-Tätigkeiten, Geschehnissen, und direkt oder indirekt stehen sie alle in Zusammenhang. So gesehen gibt es keinen Zufall, die Ereignisse werden von uns nur als zufällig wahrgenommen, weil wir das Zusammenwirken der Tätigkeiten, Nicht-Tätigkeiten, Geschehnisse nicht überblicken (können).

    Mit anderen Worten: Wenn in China ein Sack Reis umfällt, geht mich das d o c h etwas an. Die Folgen werden irgendwann bei mir ankommen. Naja, vielleicht allerdings nicht mehr in diesem Leben.

  2. Günter Landsberger Says:

    Immer wenn bei uns gerade ein Kind unterwegs war, will sagen, meine Frau hochschwanger war, lief “Rosemary’s Baby” im Fernsehen. So habe ich diesen Film nie gesehen.

  3. Günter Landsberger Says:

    Es gibt keinen Zufall – sagen Christen wie Atheisten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Und so schrieb es auch eigenständig J. G. Fichte in seinem als populäre Schrift konzipierten Werk “Die Bestimmung des Menschen”.

  4. admin Says:

    Das wäre ja drollig, wenn’s so einfach wäre. Dann hätte ich mich viele lange Jahre für nichts und wieder nichts mit dem “Zufall” rumgeplagt.

  5. Günter Landsberger Says:

    Andererseits: Kann es nicht etwas geben, was uns zufällt? –
    Oder wäre auch das nur ein scheinbarer “Zufall”?

  6. Günter Landsberger Says:

    Schelling, der Nicht-Atheist – zur Beruhigung des redlich sich um den Zufall Bemühenden! – sprach vom “Urzufall”. Und Nietzsche, der Atheist, vom Würfeln des unbekannten Gottes.

  7. Revierflaneur Says:

    Das ist lieb gemeint, Günter. Nach meiner Erfahrung ist allerdings die Beschäftigung mit dem Zufall umso beunruhigender, je länger sie dauert und desto tiefer sie geht.

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