Archiv für April 2008

Event

Mittwoch, 30. April 2008

soiree

Wenn Gäste ins Haus stehen, bin ich immer ganz aus dem Häuschen. Ich weiß nicht, ob ich fortlaufen oder mich in mich selbst verkriechen soll. Gleichzeitig gibt’s doch noch so viel zu tun. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht.

Meine Söhne würden sagen: „Ein geiles Gefühl!“ Konrad Adenauer hat gesagt: „Keine Experimente!“ Weil ich weder auf diese noch auf jenen höre, muss ich wie immer mit dem Schlimmsten rechnen und bin völlig gefühllos. Total cool. Paralysiert. Todesstarre.

Dann kommen also morgen Beatrix, Birgit, Brigitte, Christiane, Christoph, Eva, Eva, Eva, Gerd, Günter, Hakkı, Jacinta, Johannes, Jürgen, Juliette, Manfred, Ralf, Simona, Susanne, Tania, Valentin und Wolfgang – Überraschungsgäste nicht gerechnet. Exakt in 24 Stunden.

Die gute alte „Literarische Soiree“ ist von den Toten wiederauferstanden, wer hätte das gedacht? Gäste mit Gästen und Texte mit Texten und Gäste mit Texten und Texte mit Gästen zu konfrontieren – so habe ich mal mein Programm definiert.

Wenn ich nicht aus Erfahrung wüsste, dass ich spätestens eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung in einen geradezu überirdisch gelassenen Bewusstseinszustand verfalle und mit traumwandlerischer Sicherheit durch den Abend gleiten werde – ich würde verrückt.

Bewerbung

Dienstag, 29. April 2008

Kieselsteine sortiert nach Alfabet

Meine Meisterschaften: Kieselsteine sortieren, warmes Wasser durch die Finger laufen lassen, Wolken mit dem Blick verfolgen, Buchseiten umschlagen, Fragen stellen, Luftballons mit einer Radiernadel zum Platzen bringen, zweifeln, meine Hände betrachten, mich erinnern, Landkarten erfinden, lachen, vorlesen, lächeln, Notbremsen ziehen und widersprechen.

Worin ich leidlich dilettiere: im Schachspiel und Pilzesammeln, im Braten ebenmäßiger Spiegeleier, im In-den-April-Schicken und An-den-Haaren-Ziehen, im Raten der Jahreszeit und Vergessen meines Alters, im Ausdenken von Ausflüchten und Ablenken von Absencen, im Kitzeln und anderen Techniken des Zum-Lachen-Bringens, im Geräuscherzeugen.

Was ich noch lernen möchte: Skat und Doppelkopf, die Zuordnung von Vogelstimmen, linkshändige Selbstbedienung, die Zubereitung einer Linsensuppe à la Ursula, das leidlose Nichtrauchen, das genussvolle Schweigen, den Foxtrott, die Blindenschrift, das Reisen, das Bereuen von Fehlern und Verzeihen von Komplimenten, das allerletzte Einschlafen.

Meine Unfähigkeiten: Fernseh gucken, Auto fahren, fliegen, singen und musizieren, glauben, Austern oder Weinbergschnecken essen, töten, Diener machen, auf schlechte Witze lachen, Bier trinken, Lippenbekenntnisse ablegen, Rauchringe blasen, Eselsohren knicken, meine Unterschrift fälschen, Stabhochsprung, auf den Fingern pfeifen u. v. a. m.

Einstellungsvoraussetzungen: völlige Freiheit in meiner Tageseinteilung und Arbeitsorganisation, Stille, leistungsfähiger PC mit schnurloser Tastatur und Maus, Internetzugang, Scanner, Drucker, Digitalkameras für Bild und Film, digitales Diktaphon, Entlohnung nach Besoldungsgruppe B1 für Beamte, leistungsfähige Kaffeemaschine.

Autodafé

Montag, 28. April 2008

weidermann

Bücherverbrennungen haben offensichtlich einen verzögerten Heizwert. Bald ist das Öl alle, dann können wir uns noch in bitterkalten Wintern, vor unserem endgültigen Abgang von der Bildfläche, am lieblichen Knistern der Bibliotheksbestände die klammen Hände wärmen.

Jetzt hat Volker Weidermann seiner vor zwei Jahren viel beachteten „kurzen Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute“ einen Folgeband hinterhergeschickt. Das ist überaus geschickt – oder bloß zwingend notwendig.

Kiepenheuer & Witsch weiß, was der Verlag seinen Umsatzzahlen schuldig ist. Lesebändchen und ein Pappcover mit Wiedererkennungswert sind obligatorisch, die Schrumpfung von 324 auf 254 Seiten bemerkt ohnehin kein lesendes Schwein. Ob der Preis für diese um ein Fünftel knapper geratene Nachfolgeerscheinung bloß um 15 Prozent niedriger liegt – wen stört‘s? Und dass Weidermann wie ein Storch im Spagat in den ausgetretenen Fußstapfen seines Vorbilds und Vorgängers Jürgen Serke einherstolziert, ohne in diesem epigonalen Bändchen auch nur entfernt dessen Klasse zu erreichen – wen stört’s?

Mich stört, dass beide Bücher gelumbeckt und nicht fadengeheftet sind. Dann sollen sie doch bitte ehrlich sein und gleich als Taschenbücher erscheinen. (Die Lichtjahre gibt’s jetzt schon zum halben Preis bei BtB.) Dass Buchkäufer und Bücherliebhaber so genau hinguckten wie ich, ist allerdings auch schon Lichtjahre her. Was bin ich nur für ein unverbesserlicher Anachronist?

Immerhin freut mich, dass Weidermann in seinem neuen Buch erstmals auch jene verbrannten Bücher aus dem Scheiterhaufen zieht, deren einziges Verdienst war, überhaupt hineingeworfen worden zu sein. So rettet er eine Adrienne Thomas, deren Werke er „stark gefühlt und ziemlich schwach geschrieben“ nennt, vor dem endgültigen Vergessen. Vergiss es trotzdem! Einzig ihre Indizierung, die sich aus peripheren Gründen herleitet, macht solche nach Weidermanns eigenen Worten „ordentlich auf die Nerven“ gehenden Überflüssigkeiten bemerkenswert. Das reicht aber nicht, meine Neugier zu wecken. Mit solchen literarischen Sequels ist kaum ein Blumenpott zu gewinnen – weder bei den Gutwilligen, noch und erst recht nicht bei einem Böswilligen wie mir.


Geschützt: Soiree

Montag, 28. April 2008

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Balance

Samstag, 26. April 2008

desnos

Jeder Tag ist ein Hochseilakt zwischen zwei möglichen Abstürzen. Rechts gähnt die tödliche Langeweile, links will mich die Überfülle der Ereignisse, Reize, Herausforderungen, Aufgaben, Pflichten, Verantwortungen zerfleischen. Immer entweder ein maßloses Zuviel – oder ein quälender Mangel, der den drohenden, endgültigen Stillstand im Schilde zu führen scheint.

Jetzt will ich aber nicht schon wieder jammern. Was wäre denn die Alternative? Die Behäbigkeit gemächlichen Fortschreitens auf einem zwielichtigen, gefahrlosen, breiten Mittelweg. Die graue Durchschnittlichkeit jahreszeitloser Einheitstage, weder schwarz noch weiß, von Farben nicht zu reden. Will ich das? Sehne ich ein solches Einerlei herbei, damit mein Herz endlich in einem gleichmäßigeren Rhythmus schlagen kann?

Nein.

Also sind sie weiter auszuhalten, die ewigen Widersprüche, zwischen Systole und Diastole, Zweifel und Gewissheit, Liebe und Hass, Detailversessenheit und Verallgemeinerung, Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitsgefühl, dem Blühen und Verwelken, Antwortenkönnen und Ratlossein, Nehmen und Geben, Verteidigen und Angreifen, Dulden und Zufügen, Kämpfen und Scheitern, zwischen Ebbe und Flut, Sonnenauf- und -untergang.

Tagaus, tagein: ein Einerlei bei allem Wechselspiel. Mag ich das? Ich muss wohl noch mögen wollen, für ein Weilchen, über den Tag hinwegschwebend in ungewisse Zukunft. Das Ende steht fest, sein Zeitpunkt ist ungewiss. Daran ist nichts beklagenswert, ebensowenig zu begrüßen. Conditio humana. Keine Anstrengung ist lohnender als die um das tägliche, alltägliche Gleichgewicht, selbst wenn das Ergebnis meist nur lautet: Ich hab’s auch heute gewagt, auf dem Hochseil zu balancieren – und bin nicht, nach links oder rechts, hinabgestürzt in die so verschiedenen, ja gegensätzlichen, komplementären Abgründe. Gefallen wohl, und das scharfe Drahtseil hat mich mitten entzweigeschnitten. Aber morgen ist auch noch ein Tag, und die Nacht zwischen heute und morgen, mit ihren Träumen, lässt mich wieder zusammenwachsen.

(Für Robert Desnos, den Mann im Bild.)

Herztöne

Samstag, 26. April 2008

„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ (Deutsches Sprichwort)

Und wer „das Herz am rechten Fleck“ hat, wird dann recht gesprochen haben.

„Wenn das Herz am rechten Fleck ist, spielt es keine Rolle, wo der Kopf ist.“ Das waren die letzten Worte von Walter Raleigh vor seiner Enthauptung am 29. Oktober 1618.

Wem aber „das Herz in die Hose gerutscht“ ist, dem kommt kein freies Wort über die zitternden Lippen.

Der sollte den Rat beherzigen: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“

Ravashi-Syndrom

Donnerstag, 24. April 2008

apfel

In dem sehenswerten Film Adams Äpfel von Anders Thomas Jensen (Dänemark 2005) diagnostiziert Dr. Kolberg bei dem durch keine persönliche Katastrophe von seinem festen Glauben an das Gute abzubringenden Pfarrer Ivan, der an einem tennisballgroßen Hirntumor leidet, ein “Ravashi-Syndrom”.

Dieses Krankheitsbild, das man merkwürdigerweise weder im Klinischen Wörterbuch von Willibald Pschyrembel noch im Lexikon der Medizin von Zetkin und Schaldach findet, ist laut Dr. Kolberg nach einem indischen Fußballspieler benannt, der sich bei einem Go-Kart-Unfall beide Füße abtrennte und anschließend nach Hause lief, ohne von dieser dramatischen körperlichen Beeinträchtigung Kenntnis zu nehmen. Ja, mehr noch: Ravashi läuft in den nächsten Wochen auf seinen Stümpfen zu mehreren Fußballmatches seiner Mannschaft auf und schießt als Mittelfeldspieler etliche Tore!

Ist dies nicht ein wunderbar treffendes Bild für die Unverdrossenheit, mit der wir trotz aller irreversiblen Beschädigungen unserer Lebensgrundlagen weitermachen, als wäre nichts gewesen? Augen zu und durch? Business as usual? „Apokalypse-Blindheit“ hat Günther Anders dieses Syndrom genannt.

Der wirklichkeitsblinde Pfarrer Ivan in Jensens Film wünscht sich von seinem Schutzbefohlenen, dem bösen Skinhead Adam, einen Apfelkuchen. Aber der Baum, der dazu die Äpfel liefern soll, wird von allerlei Plagen heimgesucht. Erst fällt ein Schwarm schwarzer Raben über die noch unreifen Früchte her, dann dezimiert ein Wurmbefall den traurigen Rest, und schließlich schlägt gar noch der Blitz in den Stamm ein. Ein einziger Apfel, den der Trinker, Vergewaltiger und Kleptomane Gunnar gestohlen hatte, bleibt übrig. Daraus backt dann Adam sein Küchlein für den Pfarrer. Ein Rest Hoffnung bleibt bis zuletzt: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ (Martin Luther)

Wir alle leiden offenbar längst unheilbar am Ravashi-Syndrom. Eine Therapie ist bisher nicht bekannt. Gäbe es sie und wäre sie erfolgreich, dann führte sie gewiss zum sicheren Tod.