Romanelesen

Manchmal lese ich einen Roman mit mittelmäßigem Interesse, das sich zwischen Begeisterung und Enttäuschung nicht entscheiden kann. Dann stoße ich zum Beispiel (S. 132) auf einen einzigen kurzen Satz, der die Entscheidung bringt. Diesmal war es dieser: „Gretl sieht ihn an wie ein auf sie zu rasendes Auto.“ (Matthias Hirth: Angenehm. Erziehungsroman einer Künstlichen Intelligenz. München: blumenbar Verlag, 2007.)

Oft frage ich mich beim Romanelesen, ob ich mir in meinem Alter das Romanelesen eigentlich noch leisten kann. Lernen kann ich da längst nichts mehr, was mein eigenes Schreiben angeht. Ist das Romanelesen nicht eigentlich ein leicht anstößiges Laster, peinlich fast, wie wenn der Aufsichtsratsvorsitzende in seinem Hobbykeller das Krokodil durchs Gleislabyrinth seiner Märklin-Eisenbahn jagt?

Selten lege ich einen zeitgenössischen Roman ausgelesen beiseite in der festen Überzeugung, dass seinem Autor damit etwas wirklich Einzigartiges, Unverwechselbares gelungen ist: ein neuer Ton, eine nie zuvor berührte Stimmung, der Blick in einen Winkel, der bisher im Schatten lag. (So zuletzt geschehen mit Günther Rücker: Otto Blomow. Geschichte eines Untermieters. Berlin: Rütten & Loening, 1991. Komischer hat wohl noch niemand die anthroposophische Suada karikiert, wie Rücker im fünften Kapitel, S. 159-211.)

Immer leide ich unter dem Konflikt, welchen Roman ich nach dem Auslesen des letzten Romans als nächsten anlesen soll. Auf dem Regalbrett mit den vielleicht zu lesenden Romanen locken dann mindestens drei Dutzend Buchrücken; aber nur einer dieser Romane kann ’s schaffen, dass ich ihn herauszupfe, um ihm eine Woche oder zwei meiner Lebenslesezeit zu opfern. Für jeden sprechen, gegen jeden widersprechen Rezensionen, Hörensagen, Querverbindungen, Empfehlungen und Abfälligkeiten. Die Zeit zwischen den Romanlektüren wird mir regelmäßig zur Entscheidungsqual.

Nie finde ich den Roman, den ich selbst gern geschrieben hätte.

5 Responses to “Romanelesen”

  1. Günter Landsberger Says:

    Nie schreibe ich den Roman, den ich selbst gerne gelesen hätte, könnte ich andersherum sagen. Deswegen lese ich auch weiter Romane. Manchmal auch ganz. Manchmal bedauernd, dass ich in genau diesem Roman und gerade jetzt nicht mehr weiterlesen kann. Dabei bleiben zu können, ohne aus dem Sog und aus der unwiederholbaren Gestimmtheit des Lesens sich herausreißen zu müssen, ist schon was Schönes und Unschätzbares.

  2. Matta Schimanski Says:

    Gestatte mir bitte die eine oder andere Anmerkung:

    “Manchmal lese ich einen Roman mit mittelmäßigem Interesse, das sich zwischen Begeisterung und Enttäuschung nicht entscheiden kann. Dann stoße ich zum Beispiel (S. 132) auf einen einzigen kurzen Satz, der die Entscheidung bringt. Diesmal war es dieser: „Gretl sieht ihn an wie ein auf sie zu rasendes Auto.“ (Matthias Hirth: Angenehm. Erziehungsroman einer Künstlichen Intelligenz. München: blumenbar Verlag, 2007.)”

    Zwei Sachen:

    1. Muss es nicht heißen:”[ …] auf sie zurasendes Auto.” ? Schreibt der das tatsächlich so? Schlechter Lektor?

    2. Und wie war die Entscheidung? Kann ein mäßig intelligenter Leser das erkennen bzw. erschließen? Dann bin ich leider mal wieder `raus… Oder hast du das bewusst weggelassen?

    Und dann:

    3. “Oft frage ich mich beim Romanelesen , ob ich mir in meinem Alter das Romanelesen eigentlich noch leisten kann.”

    Bisschen viel Romanelesen in einem Satz, oder? Klingt ein bisschen naja.

    4. “Immer leide ich unter dem Konflikt, welchen Roman ich nach dem Auslesen des letzten Romans als nächsten anlesen soll.Auf dem Regalbrett mit den vielleicht zu lesenden Romanen locken dann mindestens drei Dutzend Buchrücken; aber nur einer dieser Romane kann’s schaffen, dass […]”

    Dito.

    Ich glaube, du warst wirklich sehr müde. Oder bin ich mäkelig und oberlehrerinnenhaft und ungerecht? Aber meist gefällt mir dein Stil besser.

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    Vom Inhalt her kann ich dir größtenteils beipflichten, obwohl ich sicher nicht so bewandert bin wie du auf diesem Gebiet.

    Den Roman, den man selber gerne geschrieben hätte, gibt´s wahrscheinlich nicht – es sei denn, man schreibt ihn!

    Und natürlich ist Romanelesen kein Laster, sondern die zweitschönste Beschäftigung der Welt!

  3. Revierflaneur Says:

    Widerspruch, Euer Ehren! Ich rolle es von hinten auf.

    Die ja schon fast mantrahaften Wiederholungen von “Romanelesen” und “Roman(e)” sind erstens volle Absicht, bewusst und hellwach eingesetztes Stilmittel.

    Zweitens: Dass ich es offen gelassen habe, ob der zitierte Satz nun bei mir zur Fortsetzung oder zum Abbruch der Lektüre geführt hat, war ebenfalls Kalkül. Was glaubst Du denn?

    Und drittens und letztens: Über “zu rasen” habe ich auch lange nachgedacht. Das Wort “zurasen” wird im Rechtschreib-Duden als eigenständiges Verb nicht verzeichnet; allerdings “zufahren”, und das ist ja ein vergleichbares Wort. Allerdings gibt es mit anderer Bedeutung die Schreibung “zu fahrendes” schon. Beispiel: “Der neue Ford ist kein leicht zu fahrendes Auto.” Für ein in diesem Sinn “zu rasendes Auto” kann ich mir aber beim besten Willen keinen vernünftigen Kontext ausdenken. Schon mal interessant, dass offenbar die Verben “fahren” und “rasen” semantisch noch eine andere Differenz aufweisen als bloß den Unterschied, dass das Rasen ein besonders schnelles Fahren ist. Das Wörtchen “zu” ist an dieser Stelle aber eindeutig eine Vorsilbe zum Verb “rasen” und keine Konjunktion; und insofern ist die Schreibung “zu rasendes” nach den geltenden Regeln zweifellos falsch. Der Lektor des blumenbar-Verlags aber ist, wie ich feststellen konnte, keineswegs ein schlechter. Außer diesem Fehler habe ich bisher – ich bin noch nicht ganz “durch” – nur sehr wenige entdeckt. Wie kommt es also, dass er sich ausgerechnet an dieser Stelle, in einem sonst so “starken” Satz, zu einer falschen Schreibung hat verführen lassen? Und vermutlich schon vor ihm auch der Autor Matthias Hirth? Meine Erklärung war, dass beide unbewusst meinten, in dieser vordergründigen Raserei durch die falsche Lücke zwischen “zu” und “rasende” auf die Bremse treten zu müssen, um die hohe Geschwindigkeit, die auf einen unvermeidlichen Zusammenstoß hinauszulaufen scheint, statisch werden zu lassen, einzufrieren. Anders gesagt: Wenn der Satz formal korrekt geschrieben worden wäre : “Gretl sieht ihn an wie ein auf sie zurasendes Auto.” – dann wäre ich als Leser vielleicht über ihn hinweggerast und hätte die gelungene Metaphorik dieses Satzes übersehen.

    Fazit: Du bist beim Lesen meines Beitrags genau über die Steine gestolpert, die ich in ihn hineingestreut habe. Insofern habe ich keinen Deut an ihm zu ändern.

  4. Matta Schimanski Says:

    1. Wie du weißt, sind mir “mantrahafte” Wiederholungen als Stilmittel durchaus bekannt, und ehrlich gesagt konnte ich mir auch kaum vorstellen, dass du sie nicht bewusst eingesetzt hast. Aber ich kann hier nicht erkennen, welches Ziel sie haben sollen. Auf was sollen sie das Augenmerk, die Aufmerksamkeit des Lesers lenken? Da mir das nicht klar wurde (und wird), überlegte ich mir, dass es vielleicht doch mit Müdigkeit zu tun haben könnte.

    2. Auch d a s Kalkül hatte ich vermutet, aber ebenfalls nicht den Sinn sehen können, da im weiteren Text nicht der Hauch einer Andeutung kommt, der ein Erschließen ermöglichen würde. Soll es den Leser zum Nachfragen animieren, um eine Diskussion anzustoßen? (Mir war gleichzeitig nicht mehr präsent, ob du überhaupt gedenkst, mit deinen Kommentatoren in Dialog zu treten.)

    3. Dass der Lektor einen Rechtschreibfehler stehen lässt, um den Leser auf die Metaphorik eines Satzes zu stoßen, erscheint mir zu weit hergeholt! (Vielen Lesern [den meisten?] wird er nicht einmal auffallen!)
    Eher glaube ich nun, da du mir klargemacht hast, dass er ein guter Lektor ist, an ein Ver-, ein Übersehen, das auch den Besten passieren kann. Zumal die Hin- und Her-Reformiererei der deutschen Orthographie so etwas schnell geschehen lässt.

    Deine Gedanken/Ausführungen zu “zurasen”/”zu rasen” sind genau meine gewesen. Allerdings habe ich neben dem Duden auch noch das Wortschatzlexikon der Uni Leipzig befragt. Dort ist das Verb “zurasen” aufgelistet, immerhin – aber mehr konnte ich da auch nicht finden.
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    Was bist du nur für ein fieser Möppel, dass du deinen Lesern so gemeine Fallen legst! Aber wart´s nur ab! Irgendwann rächt sich alles!

  5. Günter Landsberger Says:

    Vorschlag: Das “zu rasende Auto” ließe sich durch etwa folgende Paraphrase des Satzes, dessen gezielte Verkürzung der Romansatz dann wäre, vielleicht sprachlich retten:
    Gretl sieht ihn an wie ein Auto, das auf sie zu rasen hat.
    (Das wäre doch eine vertrackte Verspiegelung. Oder?)

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