Hans Siemsen

Gestern sprach mich Beate Scherzer in der Buchhandlung proust an: ob ich den Autor Hans Siemsen kenne? „Hm! Schon mal gehört.“ Der Hintergrund: Im Verlag Das Arsenal (Berlin) erscheint dieser Tage der erste Band einer Werkausgabe von Siemsen. Ursprünglich war mal eine Veranstaltung bei proust mit dem Herausgeber Dieter Sudhoff geplant. Doch der ist, kaum älter als ich, im Juni vorigen Jahres plötzlich verstorben. Ob ich nicht vielleicht Lust hätte, mich mit dem Thema mal zu beschäftigen?

Heute hatte ich Zeit, mich über diesen Hans Siemsen (1891-1969) eingehender zu informieren. Der Mann scheint tatsächlich interessant zu sein. Er entstammt einer protestantischen Pfarrersfamilie aus Hamm. Seine älteren Geschwister Anna und August Siemsen saßen in den 1930er-Jahren als Abgeordnete für die SPD im Reichstag. Nach dem ersten Weltkrieg lebte Hans Siemsen als freier Schriftsteller in Berlin. Er schrieb für verschiedene avantgardistische und linke bis linksliberale Zeitschriften wie Pan, Franz Pfemferts Die Aktion und für die Weltbühne.

Vor fast vierzig Jahren ist Siemsen, nahezu völlig vergessen, in einem Heim der Arbeiterwohlfahrt in Essen gestorben. Nach der Flucht vor den Nazis nach Frankreich, vorübergehender Internierung, völliger Mittellosigkeit, einem kärglichen Dasein als Rundfunkjournalist in New York war er bei seiner Rückkehr in die Heimat Anfang der 1950er-Jahre ein zerstörter Mann, Alkoholiker – ein Pflegefall. (Schon mit Joseph Roth soll Siemsen im Pariser Exil gesoffen haben.)

Vor zwanzig Jahren brachte Michael Föster in seinem Essener Torso-Verlag eine dreibändige Ausgabe der Schriften von Hans Siemsen heraus. Diese verdienstvolle Edition ist heute selbst auf dem dank Internet so gut erschlossenen Antiquariatsmarkt eine Rarität; eher findet man noch die Erstausgaben seiner Bücher zu Preisen um 30 Euro. Der mittlerweile auch längst verstorbene Föster, der eine Villa gleich bei mir um die Ecke besaß, hat ein Magazin für Homosexuelle namens Torso herausgebracht. Auch Hans Siemsen war ein Schwuler.

Morgen muss ich mal in meinen Bücherkatakomben suchen. Irgendwo in einer tief vergrabenen Kiste müsste sich noch das eine oder andere Heft von Torso finden lassen. Mit viel Glück könnte eins dieser Hefte einen Aufsatz von Föster über Hans Siemsen enthalten. Das war schon immer so: Wenn ich das Gefühl habe, dass sich mir eine fremde Biographie entzieht, weil die Quellenlage dürftig ist; wenn ich ein vergangenes Leben zu meinen Füßen wie ein schmales Rinnsal versickern sehe – dann ist erst recht meine brennende Neugier geweckt.

14 Responses to “Hans Siemsen”

  1. Matta Schimanski Says:

    Kennst du sicher schon – trotzdem:

    http://www.booklooker.de/app/detail.php?id=248084051&&sortOrder=

  2. Matta Schimanski Says:

    Sieht kuhl aus!

  3. Matta Schimanski Says:

    Leider sieht man nicht mehr, was kuhl aussieht – der “Schritt” war wohl zu weit weg von der Mitte.

  4. Revierflaneur » Blog Archiv » Freitag, 4. April 2008: Siemsen, die Zweite Says:

    […] und Werk des vergessenen homosexuellen Schriftstellers Hans Siemsen (1891-1969) ein gutes Stück vorangekommen. Die seltene, dreibändige Werkausgabe im Essener Torso-Verlag fand ich doch tatsächlich in der […]

  5. Revierflaneur » Blog Archiv » Montag, 5. Mai 2008: Twardy Says:

    […] Hans Siemsen, wir sprachen bereites mehrfach von ihm, hat gelegentlich für Die Weltbühne geschrieben. Am 20. […]

  6. Günter Landsberger Says:

    Tipps kundiger Leute habe ich immer gerne aufgegriffen. So auch hier. Inzwischen habe ich mir von Hans Siemsen “Nein! Langsam! Langsam!” besorgt und finde die versprochene Qualität, wo immer ich das Buch aufschlage, bestätigt. Aus dieser Reihe des Verlags “Das Arsenal” hatte ich bisher nur ein Buch (Bela Balazs: “Ein Baedeker der Seele”), sehe jetzt, dass die ganze Reihe interessante Funde bietet.

  7. Revierflaneur Says:

    Lieber Günter, im Herbst wird es eine Veranstaltung der Buchhandlung “proust” in der “Heldenbar” des Essener Grillo-Theaters geben, bei welcher der Arsenal-Verleger Peter Moses-Krause (Berlin) und der Revierflaneur Hans Siemsen dem Publikum vorstellen werden. Der genaue Termin steht noch nicht fest. Selbstverständlich erhältst Du rechtzeitig eine Einladung.

    Und um Dich jetzt noch ein wenig neidisch zu machen: Den “Phantasie-Reiseführer” von Béla Balász besitze ich in der Erstausgabe des Paul Zsolnay Verlags von 1925, in einem tadellos erhaltenen Exemplar mit Schutzumschlag.

  8. Günter Landsberger Says:

    Lieber Manuel, mein Leser-Ich und mein anderes danken Dir herzlich für die prompte Reaktion und die neuen Informationen. Nur: bei all meinen Untugenden! Mit einer kann ich Dir und anderen merkwürdigerweise nicht dienen: mit Neid. Ich freue mich statt dessen sehr herzlich mit Dir über die schöne Erstausgabe.
    So wie ich mich auch freue über eine Art eigener Ergänzung, den bei mir allerdings umschlaglosen, aber sonst gut erhaltenen Roman “Unmögliche Menschen” von Béla Balász in der Ausgabe von 1930. Sein letzter Satz ist in direkter Rede und lautet: “Ich glaube, Johannes, wir haben doch großes Glück gehabt!”
    (Verlag Rütten & Löning F. a. M. 1930, S. 447)

  9. Günter Landsberger Says:

    Ein Jahr später erschien – übrigens bei Bruno Cassirer in Berlin (1931) – der Roman “Ein Mann zog in die Stadt” von Walter Bauer. Da lauten die letzten Sätze (a. a. O., S. 287) wie folgt: “Der Kopf schimmerte von weißem Haar. Das Leben ist vergangen, das Ergebnis war weißes Haar auf dem Kopf eines alten Mannes. Er schläft, die Musik fließt in seinen Schlaf, die Welt umrauscht ihn.”
    Zu Walter Bauer vgl. u. a.
    http://www.fh-merseburg.de/~wwwbib/stbibmer/WaBauer/wb_arch3.html

  10. Revierflaneur Says:

    Auf Deine Erstausgabe von “Unmögliche Menschen” bin ich wiederum sehr neidisch, auch ohne Schutzumschlag. Antiquarisch ist der Titel im Internet zurzeit überhaupt nicht im Angebot. Ich halte ja Neid nicht für eine Sünde, sondern für eine sehr produktive Triebkraft des Menschen, derer man sich nicht schämen muss. – Von Walter Bauer habe ich auch so allerlei, z. B. sein Tagebuch “Ein Jahr”, das ich – als Liebhaber von Tagebüchern – vor vielen Jahren mit großem Gewinn gelesen habe (Merlin Verlag, 1961).

  11. Günter Landsberger Says:

    Auch ich halte Neid bei weitem mehr für eine ins Positive wendbare Triebkraft als für eine Sünde, aber ich verspüre Neid (ohne jede vorausgegangene Selbstdisziplinierung) eben so gut wie gar nicht. Obwohl ich Helmuth Schoecks “Geschichte des Neids” in der Goldmann Taschenbuchausgabe durchaus griffbereit zur Verfügung habe.
    Von Walter Bauer nenne ich noch das umfangreiche Buch “Liebe zu Deutschland heißt leiden an Deutschland. Briefe aus Kanada 1962-1976″ (1983) mein eigen.

  12. Matta Schimanski Says:

    Ich will auch eingeladen werden!

  13. Revierflaneur » Blog Archiv » Donnerstag, 3. Juli 2008: Wälzer I Says:

    […] Seit ein paar Monaten habe ich die „Meister der kleinen Form“ für mich entdeckt. Besser spät als nie – es war so etwas wie ein Erweckungserlebnis. Nun steht mir ein genussvoller Lesesommer bevor, mit Alfred Polgar, Franz Hessel, Victor Auburtin, Anton Kuh, Richard A. Bermann und Hans Siemsen. […]

  14. prof.dr.g.lucas Says:

    in sanary-sur-mer ist eine gedenktafel mit seinem portrait zu sehen an dem haus, in dem er längere zeit wohnte. place a. cavet . gruß prof. dr. lucas

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