Dienstag, 25. März 2008: Netzschach

Schach aus Holz.

Der Tag war eben gerade mal 23 Minuten alt, da eröffnete ich als Weißer eine Partie Schach gegen meinen Sohn Valentin. Ungewöhnlich daran war erstens, dass wir uns nicht wie sonst am Brett gegenübersaßen, sondern online spielten in der „Schacharena“.

Diese neue Möglichkeit der Begegnung, eine von vielen in der wunderbaren Welt des World Wide Web, hätten wir auch nutzen können, wenn Valentin gerade mal wieder in Neuseeland, Alaska oder im Tschad unterwegs gewesen wäre. Tatsächlich saß er aber zweitens nur fünf Meter (Luftlinie) entfernt von mir in seinem Zimmer.

Das ist gerade so, als würde man am Sonntagmorgen mit dem voll getankten Sattelschlepper zum Bäcker um die Ecke fahren, um Brötchen zu kaufen. Ein hinkender Vergleich? Gar nicht mal, denn man weiß doch inzwischen, dass eine einzige Google-Abfrage so viel Energie ver­braucht wie eine Elf-Watt-Sparbirne in einer Stunde.

Immerhin hat das Brettspiel auf Distanz, von Monitor zu Monitor, durchaus seine Reize: Wir spielen auf Zeit, ohne Gefahr, das Drücken der Schachuhr zu vergessen; unsere Elo-Punkte werden anschließend automatisch berechnet; und der Spielverlauf wird Zug für Zug dokumentiert. Vor allem aber reduziert die technische Übertragung des Spiels die organischen Lebensäußerungen des Kontrahenten auf ein Minimum. Ich habe mal eine schon gewonnen geglaubte Partie wegen eines irritierenden Schluckaufs meines Gegners doch noch verloren. Heute Nacht war das einzige Lebenszeichen meines Sohnes diesseits des digitalen Schachbretts sein Aufschrei aus dem Nebenzimmer, nach meinem 22. Zug, mit dem ich ihn um kurz nach eins matt setzte.

Der Zutritt zur virtuellen Welt erschließt durchaus neue Erfahrungen. Problematisch wird es nur, wenn man darüber die gute alte wirkliche Welt vergisst. Die nächste Partie spielen wir wieder „in real life“, vis-à-vis an einem Schachbrett aus Holz.

3 Responses to “Dienstag, 25. März 2008: Netzschach”

  1. Matta Schimanski Says:

    “Ich habe mal eine schon gewonnen geglaubte Partie wegen eines irritierenden Schluckaufs meines Gegners doch noch verloren.”

    Erzähl doch nix! Wer soll das denn glauben? In Wahrheit hattest du eh verloren und so einen Grund (außer seinem phänomenal besseren Spiel) gefunden, die Schuld dafür deinem Gegner anzulasten.

  2. Revierflaneur » Blog Archiv » Sonntag, 21. September 2008: Dingwelt 3 Says:

    […] ich gelegentlich dem Online-Schachspiel fröne, habe ich aber den besonderen Reiz des Spielens auf Zeit entdeckt. Hier muss man sich um die […]

  3. Revierflaneur» Blogarchiv » Mittwoch, 25. März 2009: Ein Jahr … Says:

    […] ist es nun schon wieder her, dass ich diesen Schreibversuch mit einem Text über meine ersten Online-Schach-Erfahrungen gestartet habe. Nahezu täglich ist seither ein fünf […]

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